Dienstag, 23. Februar 2016

Wie die Elektroakustische Musik zum Deutschen Zoll kam

(Logo der HP "Zoll online")

Wie die Elektroakustische Musik zum Deutschen Zoll kam

Und da habe ich bei einer Jury mitgewirkt. In einem kanadischen Wettbewerb für Elektroakustische Musik. Ehrenamtlich. Fünfzig Stücke angehört. Schlechte. Gute. Zum Glück mehr gute. Elektroakustische Stücke. Meine Freunde wissen: Ich halte diesen Krach für Musik. Für ganz normale Musik.

Leider existiert diese Jury nur online…Kanada...ist noch keine Kerbe in meinem Holz; auf meinem Wunschzettel steht Kanada schon.
Naja, man macht das mit, weil es Spaß bringt. Ein paar Tage lang hört man Musik. Eine schöne Beschäftigung. Jedes Werk wird bewertet. Möglichst kompetent, und man möchte niemandem Unrecht tun. Am Ende mailt man einen Bewertungsbogen nach Kanada. Zur Belohnung bekommt man irgendwann eine CD mit der Musik der Erstplatzierten. Jedesmal (ich habe nicht immer Zeit dafür) wenn ich das mache, der selbe Vorgang. Dachte ich.

Die CD kam. Und sie kam nicht. Es kam eine Benachrichtigung vom Zollamt. Eine Briefsendung aus Kanada sei eingegangen, die gewissen Richtlinien nicht entspreche. Ich machte mich auf den Weg, 20 Minuten mit dem Auto, und schon war ich da, in der Kufsteiner Straße, ganz nah beim alten RIAS, das Zollamt ist in einem Flachbau, der irgendwie provisorisch anmutet. Ich stellte mich an, nach einer Viertelstunde trat ich vor eine schwerathletisch anmutende Dame. Es kam mir vor, als hätte ich sie schon einmal gesehen, vor rund 30 Jahren beim Abfertigungspersonal für die Einreise nach Ostberlin, pardon, in die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin! Da war sie bei den „Grenzschutztruppen der DDR“. Aber das konnte nun wirklich nicht sein. Trotzdem, Physiognomie und Feldwebellinnentonfall stimmten. Die Uniform saß. Stramm.

Ich zeigte meinen Benachrichtigungszettel, erwähnte, dass ich wisse, um was es sich bei der Sendung handelte, um ein Gesschenk, eine CD, nicht ohne vorher meine Stimme auf das Preset "gut gelaunt" gestellt zu haben. Schon Konfuzius rät: "Ist der Feind überlegen, meide den Kampf." Der Erfolg meiner Taktik hielt sich in engen Grenzen, genau gesagt, er stellte sich nicht ein. Woran lag es? Ich weiß es nicht.
Statt ein verbindliches Lächeln zu versuchen, murmelte mein starkes Gegenüber etwas von "es isnich klar, was dadrinne is,...", wenn der Umschlag etwas enthielte, das mehr als 22Eurofuffzich wert sei, müsse ich Steuern oder Zoll (oder beides) zahlen, ich erinnere mich nicht mehr genau. Die Walküre reichte mir eine Wartenummer, Nr.71, das Display stand auf 58. Auf meine Frage, ob sie ungefähr einschätzen könne, wie lange ich warten müsste, sagte es: "Woher soll ickendet wissen?" und drehte sich um; ich begab mich zu den Warteplätzen.

Zum Glück waren meine Mitwartenden recht nett. Ein Bilderbuchpärchen war da mit einem Bilderbuchsohn, so einem Kind mit Kulleraugen, das mit jedem flirtete und persönliche Fragen stellte wie: „Musst du auch so lange warten?“ Ja, musste ich. Und dann wartete noch eine junge Dame, die Material für Motortuning aus Übersee erwartete. Ich fragte sie, ob mein Auto auch mit so einem Chip aufzufrischen wäre. „Ja, det is ganz leicht!“ Dann verriet sie mir noch, dass 15 PS mehr für meinen Flitzer rund 220 Euro kosten würden, und dass sie eigentlich Anwältin sei. Ich fand daraufhin meine PS-Zahl ausreichend.

Brünhilde hatte inzwischen ihren Schreibtisch verlassen, um zu Mittag einen anderen Drachen zu erlegen. Nach nur 120 Minuten war die 70 an der Reihe. Die nächste war meine…denkste. Die 63 und 64, die die Anzeige vorher übersprungen hatte, wurden nun nachgeholt, ich beschäftigte mich mit Magenknurren, oder beschäftigte das Magenknurren mich?

Ein und siebenzig! An Platz Nr.3. Endlich! Ich ging durch die Tür zum Platz Nr.3, ohne jede menschliche Anwandlung stand da Brünhilde. Sie sah mich nicht an, sondern las irgendetwas auf einem irgendwie amtlichen Blatt Papier. Die konfuzianische Weisheit hatte mich in den vergangenen 150 Minuten schrittweise verlassen, ich fragte, ob ich…„Moooooomänt ja? Ick mussdet hier lesen!“ Dann ging sie für eine gefühlte Woche nach hinten, kam mit einem arg beklebten Umschlag zurück und fragte, was da denn nun drinne sei. Ich erzählte nochmal von der CD und meiner ehrenamtlichen Jurorentätigkeit et cetera, „ja, det mit der CD hamse janu jesacht, wat sollickn da machen, wenn Sie dit uffmachen und dit is mehr wert als erlaubt, müssnse Steuern zahlen, is det klar, ja?“ „Wissen Sie, ich riskiere das“, nahm den Umschlag und riss ihn auf und entnahm die CD „Cache 2012“ der CEC, drückte sie der Kämpferin in die Hand. Sie drehte die Scheibe lange zwischen den Fingern, kämpfte gegen eine gewisse Trägheit ihres Kopfes und fragte schließlich: „Wat solln da druff sein?“ „Musik“, sagte ich, „die CD ist nicht aus der Schweiz, sie ist aus Kanada, was soll denn da sonst drauf sein?“ „Allet Möglije kann da druff sein, ham siene Ahnung!“ „Gut“, sagte ich, spielen wir sie ab, dann spielen wir sie eben ab…“ „Det jehtnich so ohne weiteret“, sagte die Hulk; man merkte ihr an, dass sie Spaß daran hatte, mich warten zu lassen. „Jeschenk, ja, dis muss druffstehn aufem Umschlach.“ Stand es aber nicht. Außerdem war mein Spruch mit der Schweiz am Nachbarschalter gut angekommen, man lächelte amüsiert. Das war kein Erfolg für meine Feldwebellin. Ein renitenter Bürger. Macht faule Witze über die Schweiz auf ihre Kosten.

„Was machen wir denn nun?“ fragte ich. Wieder dieses Abtasten meiner CD mit spitzen Wurstfingern. „Es ist ein Geschenk, jeder kann sehen, dass das keine fünf Euro wert ist. Darf ich jetzt bitte meine CD entgennehmen?“ „Tja, det saren Sie“, sagte Frankensteins Tochter und gab die Sendung immer noch nicht heraus, merkte dann aber doch, dass die Aussicht, mich als Schmuggler zu entlarven, nicht groß war.
Widerwillig steckte sie die CD zurück in den gepolsterten Umschlag und händigte ihn mir aus. Ich bedankte mich und sagte: „Auf Wiedersehen! Oder besser nicht.“ „Scheint mir ooch so“, meinte Brünhilde.

Die Cache-CD 2012 hatte ich übrigens schon. Keine Ahnung, warum die Kanadier mir die nochmal geschickt haben.
©Hoeldke2016

Montag, 8. Februar 2016

deep web - Christopher Bauder & Robert Henke im Kraftwerk #roberthenke #monolake #klangkunst #electronica #ctm2016

die decke des kraftwerk wird zum himmel, du weißt nicht, ob sky oder heaven, schau zu!, sonst bekommst du nichts ab vom leben.  helle kugeln an langen abstrakten, die nach anderen kugeln suchen, sich verbinden, jede kugel ist ein leben.
erst eine, dann eine andere, sie können miteinander, wollen miteinander, sie lieben und hassen sich, kein unterschied, sie müssen sich verbinden, bilden linien, gruppen, ein netz, viele netze.
ein monster über dir, ganz nah und in sicherer entfernung, schwerelos sich windend, tanzend, überall diese musik.
ein dom über dir, nie hat gott so gut ausgesehen.

netzwerke gebären sich selbst. verbindungen sind bewegungen, die materie netz existiert nur durch bewegung, so lebt sie.
das leben entwickelt sich: eine reihe leuchtet, tanzt was vor, lädt ein zum mitmachen, schnell findet sich was mit einer anderen reihe, sie leuchten zusammen, greifen Raum, die farbe gleich, rote welt.

bewegung bildet farbe, man findet sich, alles künstlich, alles virtuell, täuschend unecht wie das leben da draußen. das gefühl, im netz zu sein! die bewegung ist reine täuschung, deine augen machen gerne mit, atemberaubend schnell, miteinander ist gegeneinander, die freundschaft nur ein bild, alles bildet sich ab, immer schneller, nicht einmal das tempo ist echt. manche herrschen, andere folgen.

ist das ein stern? mann ist der groß! genauso viel masse, als wär er gar nicht da, die farben, die farben, DIE FARBEN!
nein, das sind ein paar sterne, sie bilden sich streng nach der regel, bis die regel zerfließt. und immer mehr farben
farben
farben
farben
FARBEN
jede einzeln
jede in freiheit
kein gebilde mehr
kein sinn mehr
kein verstehen mehr
freiheit

enden muss es

die frage nach dem leben stellt sich
die antwort stimmt

Jetzt raus an die Luft!


©hoeldke2015
#roberthenke #monolake #klangkunst #electronica #ctm2016  

Freitag, 29. Januar 2016

Michael Vorfeld - "Glühlampenmusik" Performance und Gespräch im Berliner „ausland“


Klingender Schein

Der Perkussionst und Künstler Michael Vorfeld gastierte am 28.Januar 2016 im Berliner „ausland“  (Lychener Str.6) im Rahmen der Vorlesungs- und Konzertreihe „Die Reihe - Beiträge zu auditiver Kunst und Kultur“ des Elektronischen Studios der TU Berlin und des Studienganges „Sound Studies“ derUdK Berlin. Anschließend: Podiumsgespräch mit der Musikwissenschaftlerin Sabine Sanio.


Ich betrete den eher kleinen Konzertsaal des „ausland“, der betont spartanisch mit kleinen Notsitzmöbeln ausgestattet ist, bin früh dran, bekomme einen Sitzplatz in der ersten Reihe, sehr bald müssen die ersten Zuhörer stehen.
Ich sitze vor einem großen Tisch, der mit Leuchtmitteln, Schaltelementen und Kabeln völlig übersät ist. An einer Längsseite ist ein kleines Audiomischpult aufgestellt, das ist mit den Leuchten und Schaltern verbunden; es liefert die Klänge, zum Teil mit Tonabnehmern und Mirophonen eingefangen, an eine Saalanlage.

Michael Vorfeld macht Geräusche von Lampen zu Musik, Geräusche von Schaltern, Dimmern, den Leuchtmitteln selbst, manche kennen wir aus dem eigenen Haushalt, manche werden durch Verstärkung überhaupt erst hörbar. Sirren, Piepen, Brummen, Knacken und das, was Vorfeld daraus entwickelt.
Ich staune, wie viele verschiedene Lampentypen es gibt, wie viele davon auf der Tischfläche vor mir liegen, wie viele kleine Geräte, die ich nur zum Teil kenne und nur inetwa erkenne.

Vorfeld beginnt, die Saalbeleuchtung verlischt und macht Platz für die Lichter der Vorführung. Aus Knacksen werden Töne, sehr tiefe, andere sehr scharf. Ein Klang zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Stück, das 40 Minuten zur Kurzweil werden lässt: Eine Art gläserne Glocke, vertraut im Klang, aber ein erstaunliches Eigenleben führend. Der Tisch wird dabei zu einem freundlichen Gewitter.

Der Künstler macht sehr schnell klar, dass hier Musik aufgeführt wird: Obwohl er improvisiert, rührt Vorfeld nie in einer trüben Suppe auf der Suche nach dem Weitergehen des Stücks, er wechselt einzelne Leuchten gegen andersartige, andersfarbige, er weiß jederzeit, was er tut, auch wenn die Entwicklung nicht bis ins Detail feststeht. Große Bögen entstehen, flächige oder rhythmische, bekannte, unbekannte Klänge bilden mit ihren Auftritten eine Satzstruktur, jeder Abschnitt hat seinen Charakter, jeder klingt anders, leuchtet anders, hat eine gute Konsistenz, die Klänge sammeln sich, sind aber kein Sammelsurium.

Vorfeld ist Musiker, er performt konzentriert, man sieht ihm an, wie wichtig das Gelingen ist. Und die Lampenmusik ist wirklich multimedial: Die Musik würde ohne die Lampen nichts besonderes darstellen, das kleine Leuchtmeer wäre ohne die Musik nichts besonderes, aber beide zusammen bilden eine Einheit, von der ganz erstaunliche Energie ausgeht. Der Klang, das Leuchten zeigen die Brüchigkeit unserer Wahrnehmung, man könnte hier ohne Strom gar nichts wahrnehmen, man denkt an den Energieverbrauch, an die Euro-Leuchtmittel. Aber die kritischen Gedanken können keinen Raum gewinnen, Gott sei Dank, in einem guten Restaurant isst man nicht wegen der Ernährung, man will genießen. Und das kann man an diesem Abend im „ausland“. Man kann die Augen schließen, das erhellt die Sache sogar noch. Schnell gibt man auf, herausfinden zu wollen, welche Lampe für welchen Klang leuchtet, man genießt die Kraft, die das Werk auf einen ausübt, den Rausch, den man empfindet, man lebt den Ritus, den Michael Vorfeld zelebriert, völlig focussiert, ganz ohne Caprice.

Es war so schnell vorbei: Ein leiser Schluss, ein Smorzando, aber ganz entschieden. Wir applaudieren gern, wir sind ist begeistert. Der Sound, von der Klangregie wunderbar in den Raum projiziert, lief ohne jedes Problem, war ein Kunstwerk für sich, die technische Leitung hatte ganze Arbeit geleistet. Forte ist eben nicht laut.

Nach der Performance das gefürchtete Podiumsgespräch. Sabine Sanio bereitet eine angenehme Enttäuschung. Sie stellt ihre Fragen so, dass man etwas über Michael Vorfeld und seine Kunst erfährt, seine Anfänge in der Klangforschung im Alter von vierzehn, die Arbeitsweise, mit der er seine Klänge verwendet, seine Gedanken über die Technik im Angesicht von Energiesparmaßnahmen. Sanio macht einen guten Job: Sie fand das Konzert selbst so gut, dass sie keine Lust hat, die Kunst mit Wissenschaft zu stören. Die Abschlussfrage, wie denn das Musikinstrument hieße, auf dem Michael Vorfeld spielt, bleibt unbeantwortet. Höchst befriedigend!

Ein toller Abend. Eintritt frei. Berlin ick liebe dir!

P.S. Wer möchte, gibt „Michael Vorfeld“ bei YouTube ein und kann sich einen Eindruck verschaffen.

©hoeldke2016




Donnerstag, 21. Januar 2016

Was hat Elektroakustische Musik mit Heino zu tun? #electracoustic #heino





Quo vadis, oder: Was hat Elektroakustische Musik mit Heino zu tun?

Die Elektroakustische Musik ist aus dem Wunsch nach Wandel entstanden. Der Wandel in Richtung Innovation ist ihr ein ständiger innerer Motor. Trotzdem kann man nicht erwarten, dass das allen willkommen wäre.
Denn wie jede Revolution ihre Kinder frisst, hat sich auch hier ein neues Establishment gegründet, vielleicht um jedes Elektronische Studio ein eigenes, mit Gewohnheiten, Rollenverständnissen und Pfründen. Die Elektroakustische Musik ist selbst zum Bestand geworden.

Man hat damals in den Sechzigern Klaviatur, Dur, moll und Metrik auf den Index gesetzt, um eine Musikrichtung zu schaffen, die wirklich eine Neuentwicklung ermöglicht und nicht zurückgreift auf Vorhandenes. Dieses Verbot hat sich so sehr zum Dogma verselbständigt, dass bei der Entwicklung neuer elektronischer Klangerzeuger diejenigen beargwöhnt und zu Tabuobjekten erklärt wurden, die ein Klaviermanual aufwiesen; so sehr, dass ein Durakkord, der sich in diesem oder jenem Stück entwickelte oder einschlich, Kitschvorwürfe auslöste.

Wenn sich innovative Bewegungen etablieren (mehr können auch sie nicht), um dann ihrerseits neue Dogmen auszubilden, werden sie oft ärgerlicher als die Umstände, zu deren Bekämpfung sie einst angetreten waren. Der Grund hierfür ist, dass sich die Bewegten mit religiösem Eifer hinter ihren Ideen verschanzen, sich isolieren, Gedankenspiele nicht zulassen.

Was heißt das für die Elektroakustische Musik? Von Anfang an gab es kleine Denkscharmützel über grundsätzliche Fragen. Morton Subotnik sprach von „kleinen Schlachten“ in Europa, in denen es darum ging, „ob man ein Mikrophon nehmen darf oder nicht.“ Ergebnis ist gewesen, dass man die kalifornische Institution dann „Tape Music Center“ nannte. Und die war offen: Man hat in San Francisco z.B. über eine Zusammenarbeit mit Janis Joplin nachgedacht. Jeder Klang durfte Musik sein.

Die technologische Entwicklung bedingt, dass Elektroakustische Musik immer wieder neu gedacht werden muss.
Früher waren es nur die Studios für Elektronische oder Elektroakustische Musik, in denen Klangforschung betrieben wurde. Elektronik wurde groß geschrieben, war etwas besonderes, wollte entdeckt werden. In den Studios standen die großen Rechner, die man dafür brauchte, das hat sich grundlegend geändert. Kaum jemand braucht noch ein Studio, um Elektroakustische Musik zu machen. Oder doch?

Im Prinzip reicht heute ein Mobiltelephon. Den Klang, den es noch nicht gibt, gibt es nicht mehr. Damit ist aber auch eine Barriere gefallen, die „Amateure“ von „Professionellen“ getrennt hat. Auch Musiker ohne akademischen Hintergrund haben Zutritt zu elektronischen Musikwerkzeugen, den selben Werkzeugen, die auch „Studierte“ benutzen. Dabei kommen elektroakustische Verfahren auch in anderen Musikgenres zum Einsatz. Die Klänge, die man z.B. in Clubs hören kann, fordern also förmlich eine Fusion der Stile.
Dazu kommen zunehmend Klangerzeuger im Eigenbau - Software wird geschrieben, Geräte werden gelötet, montiert, geschraubt. Umfunktionierte Instrumente, erweiterte Studiogeräte oder völlige Neuentwicklungen machen große Schritte auf die Klangkunst zu. Die Nähe der Elektroakustischen Musik zur Klangkunst und zur Performance hat es schon immer gegeben.
Keine Skandalkonzerte mehr, bei denen man wütend den Saal verließ, wegen der Kunst, der geschändeten. Heute trifft man sich im Bioladen an der Kasse, ohne einen Hauch von Spannung. Die Elektroakustische Musik ist zum Stillstand gekommen.

Die Elektroakustische Musik braucht Anschub, egal, von wo. Ich habe via Hashtags Vokabeln nachgeschaut: Chiptunes, Glitch, Clicks’n Cuts, Fixed Media, alles auf der Suche nach neuen Eindrücken. Die ließen und lassen aber auf sich warten. Die Hashtags brachten nichts zutage, was ich nicht schon seit mindestens zwanzig Jahren kenne. Man klickt sich durchs Netz und hört, was Pink Floyd, Björk, the Buckinghams (60er Jahre!) gemacht haben, nur eben auf modernem Equipment. Man diskutiert über Künstler, die Stile mischen wie Triphop, Breakcore, Barock etc. mit anderen. Stile mixen. Kenne ich. Das macht James Last auch. Und Heino. Alle mixen sich was. Das muss jeder Filmmusiker machen. Musikgeschichte remixen, wie es halt so kommt. Im Westen nichts Neues. Ein bisschen mehr braucht es also schon.

#noise, #clicks&cuts, #chiptunes sind im Augenblick von Bedeutung, #Electronica hat sogar einen richtigen Markt. Das meiste wird wieder verschwinden, größtenteils, weil es der zweite Aufguss von irgendetwas früherem ist. Aber die Kids hören es und machen es, lass doch der Jugend ihren Lauf, und laufen wir mit!

Nur Vorsicht! Hashtaggen wir uns vorwärts, so werden wir ziemlich schnell auf dem Musikmarkt landen. Die Gefahr, sich allzu sehr zu kommerzialisieren, ist groß, das bedeutet, den Stillstand festzuzurren.
Aber: Forschen wir!  Erzeugen wir ein Spannungsfeld zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Das ist immerhin ein Konzept, also auch recht aktuell.

Wir hätten damals die Chance gehabt, Tangerine Dream oder Kraftwerk gegenüber offener zu sein. Diese Chance gibt es nicht mehr. Was soll man also tun mit den Clubmuckern? Zuhören, Spaß haben, Abklopfen auf neues und dabei die Tradition am Leben lassen.

Wesentliches Merkmal der Elektroakustischen Musik ist immer das Experiment gewesen.  Die Bindung an Studios hatte immerhin den Vorteil, dass die Nähe zu Universitäten (zumindest in Deutschland und Europa) immer eine Nähe zur Forschung nach Neuland bedeutet hat. Die jungen Musiker müssen sich nun viel mehr „ums Geschäft kümmern“. So wird Geld allzu oft wichtiger als Kunst.

Aber vielleicht liegt im Remix das Geheimnis. Lassen wir Dinge zu, die verboten sind. Wagen wir den Heino. Er selbst muss es ja nicht sein. Bauen wir ein Spannungsfeld auf. Concept Art, nicht als Einzelströmung, sondern als Weg zur gegenseitigen Befruchtung. 
 
#electronicmusic #electronica #Electronic #electroacoustic #klangkunst 

©hoeldke2016

Mittwoch, 6. Januar 2016

Tagesbeleuchtung



 Heute morgen, naja, es war halb zehn, sah ich aus dem Fenster und dachte: Oh! Was für ein schöner heller Tag! Und ich war froh. Dieser Tag konnte mich mit keiner trüben nicht enden wollenden Dämmerung von vornherein bremsen.

Und dann habe ich mich geärgert, dass es schon halb zehn war. Ich hatte bis nach 21 Uhr gearbeitet, spät gegessen und bin erst um zwei ins Bett gegangen. Eigentlich wollte ich heute morgen früher anfangen zu arbeiten.

Aber vielleicht wäre das Licht um halb neun trübe gewesen und hätte mich gleich mit eingetrübt? Ich bin nun mal empfindlich, was das Tageslicht angeht, und Weltschmerz bringt nicht immer Kunst hervor. So kann ein Scheißtag anfangen.  Es sei denn, ich mache das richtige. Ich sehe den trüben Morgen an und sage: „So kommst du mir? Das hast du dir so gedacht“ Und dann mach ich mir mein Innenlicht an und erwarte, dass es heller wird. Und fange den Tag an. Im Hellen.

©hoeldke2016

Dienstag, 10. November 2015

#WM 2006 - Ein guter Kauf

#WM 2006 - Ein guter Kauf

Nun ist es raus: Die WM 2006 ist gegen Bakschisch nach Deutschland gekommen. Und? War das so verkehrt? Natürlich war es das. Aber ist das Sommermärchen entzaubert? Nein! Und nichts wäre verlogener, als hier moralinsauer Kritik zu üben.

Deutschland war gut bedient damit. Es konnte zeigen, was es kann in puncto Gastfreundlichkeit und Organisationstalent. Keine Sklavenarbeiter, keine Winter- statt-Sommer-Termine, kein Nationalismus. Die Gäste haben sich wohl gefühlt in unserem Land, und wir uns mit ihnen. Deutschlands Ruf hat damals eine ganz entscheidende Wende erfahren, die Bundesbürger zeigten sich als harmlose Sportpatrioten, die Infrastruktur erwies sich als dem Gästeansturm gewachsen, die Republik feierte Party um Party, hatte was zu lachen, hatte der Welt etwas zu geben.

Die WM 2006 bescherte der #DFB-Elf sieben Heimspiele, der deutsche Qualitätsfußball kam ins Rollen, die Fans blieben friedlich. Deutschland hatte ein paar glückliche Wochen, sogar Fußball-Abstinenzler machten eine Ausnahme, wollten dabei sein.
Am Ende: Platz drei, es gab noch viel zu tun, aber Löw drehte ja im Hintergrund schon am Steuerrad hinter dem großen Zampano Klinsmann. Die Mannschaft war sympathisch und fair, selbst die Halbfinal-Niederlage gegen Italien landete irgendwie auf der Habenseite, war man doch nicht sportlich unterlegen, sondern in puncto Abgebrühtheit.

Natürlich kommt jetzt das Lamento mit vielen Konjunktiven, Zeigefinger werden ausgestreckt, um von sich selbst abzulenken, die Anständigen stehen auf, weisen auf die moralischen Verfehlungen hin, trauern laut, weil der Sport, ja nicht nur der, sondern „das Sportliche an sich“ unter die Räder gekommen ist. Und weil Deutschland, unser Deutschland nun überraschenderweise doch so korrupt war und offenbar immer noch ist.

Die Freude jener Tage zwischen 9.Juni und 9.Juli ist nicht verderbbar. Es war eine tolle Zeit für alle. Man kann die Zeigefinger wieder einziehen, egal, ob sie nun auf Personen oder einfach in die Höhe gerichtet sind.

Am Ende werden ein paar Köpfe rollen, und bestimmt nicht aus größtmöglicher Höhe. Wie immer.
Dennoch: Der Kauf der WM 2006 war illegal. Aber eben ein guter Kauf.

©hoeldke2015

Montag, 2. November 2015

Richtungsweisungen - CSU statt AfD?


Richtungsweisungen

Nun hat der Flüchtlingsgipfel also nichts gebracht, außer vielleicht das Land einer Regierungskrise etwas näher. Was sich derzeit am provisorischen Migrantendrehkreuz in Passau abspielt, ist menschlich wie politisch erbarmungswürdig. Oberbürgermeister Dupper weiß sehr genau um die nur begrenzte Belastbarkeit der Mitarbeiter, die alles menschenmögliche tun, die Lage unter Kontrolle zu halten.

Ein „wir schaffen das“ muss ihm wie Hohn vorkommen, er kann sich nicht äußern, die parteipolitische Raison gebietet dies, er ist Sozialdemokrat, aber er weiß, was ein volles Boot ist. Die Großkopferten auf dem Krisengipfel konnten sich nicht einigen, ebenfalls aus Parteidisziplingründen. Entlastung der Situation ist gefragt, mit ungeliebten, weil drastischen Mitteln. Ausgerechnet die CSU befindet sich an nächster Stelle zur Realität mit ihren Plänen für „Transitzonen“, ein netter Name für Internierungslager, die nun leider notwendig geworden sind. Man muss diejenigen, die unmittelbaren Anspruch auf Zuflucht haben, früh von denen trennen, die zwar auch gewichtige Gründe haben, hierher gekommen zu sein, aber eben nicht einem Kriegselend zu entkommen versuchen. Sagte da jemand „Selektion“? Prioritäten gilt es zu setzen, ein grausamer Vorgang für die, die das Los getroffen hat, „nur“ ihrer wirtschaftlich aussichtslosen Situation ein Ende setzen zu wollen. Doch gelten muss: Kriegsflüchtlinge haben hier Vortritt.

Die Erreichtung solcher Lager ist unumgänglich, es wäre naiv, anzunehmen, dass nicht tausende versuchen würden, aus „Einwanderungszentren“ heraus anonym in der Illegaltät unterzutauchen, man kann sie nicht erst auf das Land verteilen, um sie anschließend zurückzuführen. SPD und CDU müssen noch parken in ihrer „Wir-schaffen-das“-Sackgasse, sie haben keine Lust, sich als „Lügner“ beschimpfen zu lassen, weil sie in Sachen Willkommenskultur den Mund zu voll genommen haben. Man darf gespannt sein, wie sie sich herauswinden werden. Die CDU hat die Fühler schon mal ausgestreckt, doch der CSU ist das zu wenig. Sie wird weiter drängen, weiter drohen.

Allein, die sich abzeichnende Abspaltung der Chistsozialen von der Schwesterpartei ist als Phänomen nicht neu; die Fraktionsgemeinschaft ist 1976 ja auch schon einmal aufgekündigt worden, 2005 diente so etwas als Drohkulisse gegen eine Jamaica-Koalition. Wäre es nicht eine gute Idee, diesen Gedanken zu Ende zu denken und die Trennung diesmal zu vollziehen, also bei der nächsten Wahl eine bundesweite CSU in den Ring zu schicken?

Unter Angela Merkel hat die CDU begonnen, in den Wassern der SPD zu fischen, statt sich einer ihrer Kernaufgaben zu widmen, nämlich auch die Konservativen am rechten Rand zu befriedigen, dafür standen einmal Figuren wie Dregger, Strauß oder Lummer Pate. Gemeint ist die Wählerschaft, die man als rechts, aber nicht rechtsradikal bezeichnen kann, wie es eine immer dumpfer werdende Clique auf der linken Seite zunehmend versucht. Tatsache ist: Hätte die CDU/CSU mehr „rechten Schneid“ gehabt, würde es nur einer sehr kleinen Minderheit einfallen, montags auf PEGIDA-Demos mitszustolpern, wo jetzt echte Rechtsradikale wahre Fischereihafenfeste feiern können. Stattdessen hat die Kanzlerin die Union sozialdemokratisiert, das bringt die bürgerliche SPD in Nöte, was macht man, wenn man nicht die Postkommunisten oder die Fast-Pensionäre von den Grünen wählen möchte, aber die CDU nicht mag?

Merkel ist großen Teilen der Unionsparteien schon lange ein Dorn im Auge: Eine Frau, und dann auch noch eine Ost-Frau. Zwar hat sie bei Ziehvater Helmut gelernt, wie man die Schwerkraft am Amtssitz vergrößert, doch den konservativen Auftrag hat sie verkannt, die Partei ist nach links gerückt, der biedere Unionswähler ist da geblieben, wo er war, nun läuft er in die Richtung der Brandstifter. An der Parteibasis zeigt sich ein Riss, tief und mit jeder Kontroverse schlechter zu überbrücken; Griechenland, Homo-Ehe, Flüchtlingskrise: Alles Themen, die für das Land oder zumindest für seine konservative Partei zur Überlebensfrage anwachsen können. Es warten hoffnungsfroh die AfD und andere besorgte Bürger mit ihrer Willkommenskultur.

Ein Seehofer mit seiner Autorität könnte, wenn er mit einer bundesweiten CSU auftritt, der momentan zahlenstarken, aber labilen AfD das Wasser abgraben, sprich, die Wähler wegnehmen. Denn die Mehrheit derer, die die Rechtsalternativen wählen, wollen eigentlich kein Viertes Reich, sie wünschen Kontrolle über die Immigrationswelle. Seehofer kann die natürlich genauso wenig garantieren wie der Fahnenschwenker Höcke, doch würde eine Bundes-CSU die Wähler wieder ins eindeutig demokratische Spektrum zurückholen, im Bundestag für eine neue Art der Unionsmehrheit sorgen, die Stahlhelmer dabei etwas zähmen. Früher waren die übrigens nicht nur unionsaffin, sondern fanden auch in der F.D.P. ein Zuhause, die auf der rechtskonservativen Seite ein politisches Angebot bereithielt, nun aber als Politsekte mit großer Vergangenheit und winziger Zukunft vor sich hindümpelt. Eine bundesweite CSU könnte die Union wieder konservativer machen, der sympthisch-menschliche Zug, den Merkel mit ihrer Tor-Auf-Geste evoziert hat, würde zwar verblassen, aber für die politische Landschaft wäre es auf Dauer besser, wenn man die neue Rechte auf diese Weise trockenlegte.

©hoeldke 2015