Dienstag, 10. November 2015

#WM 2006 - Ein guter Kauf

#WM 2006 - Ein guter Kauf

Nun ist es raus: Die WM 2006 ist gegen Bakschisch nach Deutschland gekommen. Und? War das so verkehrt? Natürlich war es das. Aber ist das Sommermärchen entzaubert? Nein! Und nichts wäre verlogener, als hier moralinsauer Kritik zu üben.

Deutschland war gut bedient damit. Es konnte zeigen, was es kann in puncto Gastfreundlichkeit und Organisationstalent. Keine Sklavenarbeiter, keine Winter- statt-Sommer-Termine, kein Nationalismus. Die Gäste haben sich wohl gefühlt in unserem Land, und wir uns mit ihnen. Deutschlands Ruf hat damals eine ganz entscheidende Wende erfahren, die Bundesbürger zeigten sich als harmlose Sportpatrioten, die Infrastruktur erwies sich als dem Gästeansturm gewachsen, die Republik feierte Party um Party, hatte was zu lachen, hatte der Welt etwas zu geben.

Die WM 2006 bescherte der #DFB-Elf sieben Heimspiele, der deutsche Qualitätsfußball kam ins Rollen, die Fans blieben friedlich. Deutschland hatte ein paar glückliche Wochen, sogar Fußball-Abstinenzler machten eine Ausnahme, wollten dabei sein.
Am Ende: Platz drei, es gab noch viel zu tun, aber Löw drehte ja im Hintergrund schon am Steuerrad hinter dem großen Zampano Klinsmann. Die Mannschaft war sympathisch und fair, selbst die Halbfinal-Niederlage gegen Italien landete irgendwie auf der Habenseite, war man doch nicht sportlich unterlegen, sondern in puncto Abgebrühtheit.

Natürlich kommt jetzt das Lamento mit vielen Konjunktiven, Zeigefinger werden ausgestreckt, um von sich selbst abzulenken, die Anständigen stehen auf, weisen auf die moralischen Verfehlungen hin, trauern laut, weil der Sport, ja nicht nur der, sondern „das Sportliche an sich“ unter die Räder gekommen ist. Und weil Deutschland, unser Deutschland nun überraschenderweise doch so korrupt war und offenbar immer noch ist.

Die Freude jener Tage zwischen 9.Juni und 9.Juli ist nicht verderbbar. Es war eine tolle Zeit für alle. Man kann die Zeigefinger wieder einziehen, egal, ob sie nun auf Personen oder einfach in die Höhe gerichtet sind.

Am Ende werden ein paar Köpfe rollen, und bestimmt nicht aus größtmöglicher Höhe. Wie immer.
Dennoch: Der Kauf der WM 2006 war illegal. Aber eben ein guter Kauf.

©hoeldke2015

Montag, 2. November 2015

Richtungsweisungen - CSU statt AfD?


Richtungsweisungen

Nun hat der Flüchtlingsgipfel also nichts gebracht, außer vielleicht das Land einer Regierungskrise etwas näher. Was sich derzeit am provisorischen Migrantendrehkreuz in Passau abspielt, ist menschlich wie politisch erbarmungswürdig. Oberbürgermeister Dupper weiß sehr genau um die nur begrenzte Belastbarkeit der Mitarbeiter, die alles menschenmögliche tun, die Lage unter Kontrolle zu halten.

Ein „wir schaffen das“ muss ihm wie Hohn vorkommen, er kann sich nicht äußern, die parteipolitische Raison gebietet dies, er ist Sozialdemokrat, aber er weiß, was ein volles Boot ist. Die Großkopferten auf dem Krisengipfel konnten sich nicht einigen, ebenfalls aus Parteidisziplingründen. Entlastung der Situation ist gefragt, mit ungeliebten, weil drastischen Mitteln. Ausgerechnet die CSU befindet sich an nächster Stelle zur Realität mit ihren Plänen für „Transitzonen“, ein netter Name für Internierungslager, die nun leider notwendig geworden sind. Man muss diejenigen, die unmittelbaren Anspruch auf Zuflucht haben, früh von denen trennen, die zwar auch gewichtige Gründe haben, hierher gekommen zu sein, aber eben nicht einem Kriegselend zu entkommen versuchen. Sagte da jemand „Selektion“? Prioritäten gilt es zu setzen, ein grausamer Vorgang für die, die das Los getroffen hat, „nur“ ihrer wirtschaftlich aussichtslosen Situation ein Ende setzen zu wollen. Doch gelten muss: Kriegsflüchtlinge haben hier Vortritt.

Die Erreichtung solcher Lager ist unumgänglich, es wäre naiv, anzunehmen, dass nicht tausende versuchen würden, aus „Einwanderungszentren“ heraus anonym in der Illegaltät unterzutauchen, man kann sie nicht erst auf das Land verteilen, um sie anschließend zurückzuführen. SPD und CDU müssen noch parken in ihrer „Wir-schaffen-das“-Sackgasse, sie haben keine Lust, sich als „Lügner“ beschimpfen zu lassen, weil sie in Sachen Willkommenskultur den Mund zu voll genommen haben. Man darf gespannt sein, wie sie sich herauswinden werden. Die CDU hat die Fühler schon mal ausgestreckt, doch der CSU ist das zu wenig. Sie wird weiter drängen, weiter drohen.

Allein, die sich abzeichnende Abspaltung der Chistsozialen von der Schwesterpartei ist als Phänomen nicht neu; die Fraktionsgemeinschaft ist 1976 ja auch schon einmal aufgekündigt worden, 2005 diente so etwas als Drohkulisse gegen eine Jamaica-Koalition. Wäre es nicht eine gute Idee, diesen Gedanken zu Ende zu denken und die Trennung diesmal zu vollziehen, also bei der nächsten Wahl eine bundesweite CSU in den Ring zu schicken?

Unter Angela Merkel hat die CDU begonnen, in den Wassern der SPD zu fischen, statt sich einer ihrer Kernaufgaben zu widmen, nämlich auch die Konservativen am rechten Rand zu befriedigen, dafür standen einmal Figuren wie Dregger, Strauß oder Lummer Pate. Gemeint ist die Wählerschaft, die man als rechts, aber nicht rechtsradikal bezeichnen kann, wie es eine immer dumpfer werdende Clique auf der linken Seite zunehmend versucht. Tatsache ist: Hätte die CDU/CSU mehr „rechten Schneid“ gehabt, würde es nur einer sehr kleinen Minderheit einfallen, montags auf PEGIDA-Demos mitszustolpern, wo jetzt echte Rechtsradikale wahre Fischereihafenfeste feiern können. Stattdessen hat die Kanzlerin die Union sozialdemokratisiert, das bringt die bürgerliche SPD in Nöte, was macht man, wenn man nicht die Postkommunisten oder die Fast-Pensionäre von den Grünen wählen möchte, aber die CDU nicht mag?

Merkel ist großen Teilen der Unionsparteien schon lange ein Dorn im Auge: Eine Frau, und dann auch noch eine Ost-Frau. Zwar hat sie bei Ziehvater Helmut gelernt, wie man die Schwerkraft am Amtssitz vergrößert, doch den konservativen Auftrag hat sie verkannt, die Partei ist nach links gerückt, der biedere Unionswähler ist da geblieben, wo er war, nun läuft er in die Richtung der Brandstifter. An der Parteibasis zeigt sich ein Riss, tief und mit jeder Kontroverse schlechter zu überbrücken; Griechenland, Homo-Ehe, Flüchtlingskrise: Alles Themen, die für das Land oder zumindest für seine konservative Partei zur Überlebensfrage anwachsen können. Es warten hoffnungsfroh die AfD und andere besorgte Bürger mit ihrer Willkommenskultur.

Ein Seehofer mit seiner Autorität könnte, wenn er mit einer bundesweiten CSU auftritt, der momentan zahlenstarken, aber labilen AfD das Wasser abgraben, sprich, die Wähler wegnehmen. Denn die Mehrheit derer, die die Rechtsalternativen wählen, wollen eigentlich kein Viertes Reich, sie wünschen Kontrolle über die Immigrationswelle. Seehofer kann die natürlich genauso wenig garantieren wie der Fahnenschwenker Höcke, doch würde eine Bundes-CSU die Wähler wieder ins eindeutig demokratische Spektrum zurückholen, im Bundestag für eine neue Art der Unionsmehrheit sorgen, die Stahlhelmer dabei etwas zähmen. Früher waren die übrigens nicht nur unionsaffin, sondern fanden auch in der F.D.P. ein Zuhause, die auf der rechtskonservativen Seite ein politisches Angebot bereithielt, nun aber als Politsekte mit großer Vergangenheit und winziger Zukunft vor sich hindümpelt. Eine bundesweite CSU könnte die Union wieder konservativer machen, der sympthisch-menschliche Zug, den Merkel mit ihrer Tor-Auf-Geste evoziert hat, würde zwar verblassen, aber für die politische Landschaft wäre es auf Dauer besser, wenn man die neue Rechte auf diese Weise trockenlegte.

©hoeldke 2015

Montag, 5. Oktober 2015

Hausmusik als Gesellschaftsform - Jam Session im A Trane in der Berliner Bleibtreustraße.

 


Es ist immer irgendwie mehr als ein Konzert: Ab Null Uhr spielen Musiker aus einer unübersichtlichen Anzahl von Nationen eine Jazzclub-Hausmusik. Und immer wieder finden gute Protagonisten der Szene dorthin. Eintritt frei.

Die Musiker, die sich auf der Bühne oft zum ersten Mal begegnen, finden trotzdem ohne jede Vorbereitung vom ersten Moment an zusammen, bilden eine Spontanband, die ohne Probe spielen kann, mit und ohne Noten.
Man arbeitet zusammen, nicht nur auf der selben Bühne, sondern gleich am selben Projekt, dem Song, dem Musikstück. Jeder hat gleichermaßen ein Interesse daran, dass er selbst und auch alle Mitwirkenden zur tragenden Säule einer kleinen Gesellschaft werden.

Es gibt ein Regelwerk, an das sich alle halten müssen: Der Song. Melodie und Begleitakkorde sind allen bekannt, bilden das Gerüst, das Gesetz. Tempo und Stil werden vorher abgesprochen. Jeder weiß, worauf man achten muss, um anderen nicht in die Quere zu kommen mit seinem Instrument, nicht „dazwischen zu reden“. Es ist ein Dialog, ein Zusammenleben da vorne, das will bewältigt werden. Kein Teilnehmer dieses Mikrokosmos darf auf seiner Bahn einem anderen in die Quere kommen, jeder hat seine Aufgabe im System, hält den Stern, um den alle kreisen - den Song - in der Balance.

Die Interaktion zwischen den Musikern auf der Bühne ist ein Forum für den Hörer. Zwar sind alle Mitwirkenden Professionals, aber: Keiner der Zuhörer braucht musikalische Fachkenntnisse, um den Vorgängen auf der Bühne folgen zu können. Es wäre gut, mal eine Schulklasse auszuführen und nach Vorbereitung eine solche Session zu besuchen. Man müsste Ihnen mal eine ganz besondere Exkursion gönnen, dafür vielleicht sogar eine Sondergenehmigung einholen, wegen Uhrzeit und Jugendschutz. Dann können sie aus nächster Nähe erleben, wie eine spontan zusammengewürfelte Gesellschaft sich findet, verständigt und funktioniert, sogar mit Spaß an der Sache.

@hoeldke 2015

Mittwoch, 23. September 2015

Musikdistribution - Lieferung und Konsum
oder
Wie liefert man Luftschwingungen?

Früher war es so: Die einen haben gesungen oder gespielt, die anderen haben das angehört, jahrhundertelang musste man in die Kirche gehen, um Musik zu hören, dort war sie aber nur ein Begleiter, der Träger eines Textes und einer letztlich außermusikalischen Botschaft. Von reiner Musikdistribution kann man also erstmalig so 1600 sprechen, mit dem Aufkommen der Instrumentalmusik.
Nebenbei hat es immer Tanzmusik gegeben, auch damals schon als minderwertig verschrien; sie wurde nicht ge- und nicht überliefert, man hat sie dann gespielt, wenn sie gebraucht wurde.

Gemeinsam allen Musikarten war zumeist die „Live“-Aufführung, anders war ihre Darbietung auch kaum denkbar. Jedoch ist Aufführung nicht die einzige Form der Musikdistribution. Eine andere ist die Musikkonservierung, zumeist in Form einer Notation, die eine Basis des zeitlichen Transportes bildet. Mit ihr kommen Aspekte wie Interpretation und Urheberschaft dazu.

Die maschinelle Darbietung von Musik lässt sich bis zum ersten Jahrhundert n.Chr. nachweisen. Musikautomaten machten nicht nur die Komposition, sondern auch die Interpretation konservierbar. Seit der Existenz von Musikwiedergabegeräten kann man zwischen produzierter und reproduzierter Musik unterscheiden, und damit stellt sich die Frage, ob das Kunstwerk selbst oder nur dessen Abbild konserviert wird. Unbestritten ist hingegen, dass Musik durch die Verbreitung in Form von Musikkonserven einer wesentlich größeren Anzahl von Konsumenten zugänglich gemacht werden kann und wird.

Dienstag, 22. September 2015

Konzert der DEGEM

Samstag, 26. September 2015, 19 Uhr

Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin

Werke von Ralf Hoyer, Clemens von Reusner, Hans Tutschku, Leo Hofmann, Hans Holger Rutz und Marc Behrens


(im Rahmen des KONTAKTE-Festivals)

http://www.adk.de/de/projekte/2015/Kontakte/teaser_14.htm






Montag, 31. August 2015




Maria Scharwieß - Organistin gegen das Grau

Einmal in der Woche spielt sie, die Kantorin der Nathanael-Kirchengemeinde in Berlin-Friedenau, immer so rund eine Stunde, manchmal mehr, manchmal weniger, aber immer am Samstag. Maria Scharwieß ist dort seit 1979 angestellt.

Viele Kantoren veranstalten regelmäßige Kurzkonzerte, etwa unter dem Motto „30 Minuten Orgelmusik“ oder „Orgelbesinnung“; hier präsentieren sie, was sie die Woche über arbeiten, üben, studieren; hier zeigen sie ihre musikalische Persönlichkeit, ihre Interessen, ihren Geschmack.
Maria Scharwieß hat ihre wöchentlichen Orgelmusiken schon immer genutzt, außer der traditionellen Literatur etwas mehr Farbe in das evangelische Grau des Kirchenmusiklebens zu bringen. Für sie ist es normal, dass nichts auf der Welt normal ist. Maria Scharwieß war eine der ersten in Berlin, die einen Synthesizer in einer Kirche erklingen ließ, es gab Bach damals. Ausgerechnet in Nathanael, die Gemeinde galt vielen als reaktionär, als ein Hort des Gottgegebenen, des Unveränderlichen. Aber es gab auch Befürworter ihrer Schritte, die bis weit vor die Tür des üblicherweise zugewiesenen Gärtchens führten.

Heute wagt sie sich viel weiter vor. Sie spielt Jazz, allein und mit Gastmusikern, Popmusik, Folklore und das, was man üblicherweise unter kirchlicher Orgelmusik versteht, es gibt kaum musikalische Grenzen. Maria Scharwieß ist ein offener Mensch, ist geistig flexibel: Bitter nötig in Zeiten sterbender Kirchen, die in ihrer frömmelnden Isolation ersticken.

Ihre Orgelabende finden vor einem treuen Anhängerkreis statt, man nimmt gerne auf der Orgelempore Platz, so kann man sie auch spielen sehen, die Finger gleiten über die drei Manuale, ihr Pedalspiel hat etwas leichtes, die Schwerkraft kann Maria Scharwieß offenbar wenig anhaben. Die Schukeorgel hat einen zusammenhängenden Prospekt, so fällt die Platzwahl nicht so schwer, man hört fast überall die Stimmen so, wie Maria Scharwieß sie registriert und balanciert.

Neunzehn Uhr. Zu Beginn des Abends kommt sie durch eine andere Tür als die Zuhörer, eine Tür dicht bei der Orgel. Sie hat ein Ansagemikrophon, erläutert die Musik, die sie gleich spielen wird. Oper, Songs, Renaissance; jeder Abend hat ein  eigenes Motto. Beliebt sind die Zurufkonzerte. Man äußert einen Wunsch, Komm lieber Mai, Yesterday oder der Triumphmarsch aus Aida. Sie dreht sich um, setzt sich an die Orgel. Man bemerkt, wie wuchtig das Instrument ist, die Organistin davor: Ein gespannter Augenblick der Einsamkeit.
Maria Scharwieß beginnt manchmal leise, manchmal legt sie auch richtig los. Sie schleift bisweilen Töne an wie ein Hammondorganist. Sie harmonisiert Kirchenlieder 4-10 stimmig. Wer da aus scholastischen Gründen die kirchenmusikalische Nase rümpft, muss schon völlig unsensibel sein, um nicht nach kurzer Zeit einzusehen, dass es mehr als nur eine musikalische Welt gibt, Maria Scharwieß kennt sie offenbar alle, auch die traditionelle. Denn sie kann polyphon improvisieren, ganz lege artis, spielt die ersten vier Stimmen manualiter, dann kommt als Höhepunkt das Thema im Pedal, behende, mit traditionellem Laufwerk in den Fingern, stimmig, routiniert, immer vital, ohne jede Erstarrung.

Man weiß manchmal nicht genau, welchen Weg eine ihrer Improvisationen nimmt, manchmal weiß sie es selbst noch nicht, man will fragen: „Hast Du Dich verlaufen?“
Hat sie nicht. Sie verliert nie den Zugriff auf die Musik. Sie kann rasante Tonartwechsel wie bei Hindemith spielen, sie jazzt schon mal einen Choral, mit vielen blauen und geschmierten Noten, aber nie schmierig. Auch wenn sie sich manchmal ganz weit hinaus wagt, sie findet immer nach Hause. Sie baut Brücken zu alter, zu neuer Musik.

Und das wichtigste: Der Spaß, den das Musizieren ihr macht, überträgt sich auf die Zuhörer, die Füße wippen oft, neulich musste ich mich selbst bremsen, um nicht vernehmlich mitzusummen. Denn Maria Scharwieß hat die Gabe, cantabile auf einer Orgel zu spielen. Sie kennt die Grenzen, die das Instrument hat, und sie wird gut fertig damit. Was bei vielen jazzenden Organisten wie ein eislaufender Elefant wirkt, bei Maria Scharwieß funktioniert das.
Das meiste spielt sie auswendig oder nach Gehör, eherne Orgellehrer würden manchmal von illegalem Tonsatz reden, aber das darf man hier nicht: Die Scharwieß hat eine mitreißende, eine sehr basisnahe Musikalität, die verkündet: Alles, was ich hier spiele, ist auch so gemeint.

Maria Scharwieß’ Orgelabende können vielerlei Gestalt annehmen: Konzert, Andacht, Best Of oder Workshop. Die Spanne reicht weit, von spontaner musikalischer Äußerung bis zu dezidierter Interpretation.

Und wenn sie mal wieder ein paar neue Harmonien unter eine bekannte Melodie wie „Maria“ aus „West Side Story“ oder den Gefangenenchor legt, weiß man: Das darf keiner so machen. Außer ihr.

Wenn es richtig gut läuft, dann lächelt auch der liebe Gott. Sogar, wenn man nicht an ihn glaubt.
(Michael Hoeldke)



Mehr Info:


Sonntag, 30. August 2015

Über die Alltagstauglichkeit Elektroakustischer Musik - Ein Abend mit Live-Filmmusik

Über die Alltagstauglichkeit Elektroakustischer Musik - Ein Abend mit Live-Filmmusik

Manchmal gibt es Erkenntnisse, die sich als solche gar nicht gleich offenbaren. Am Samstag, dem 7.Juli 2012 fand so etwas statt, im Berliner "Arsenal"-Kino.

Unter dem Titel
"Pieces for the Archive": Live Composition by Eunice Martins and Mehmet Can Özer
wurden stumme Kurzfilme live mit Ton versehen: Die Berliner Komponistin und Pianistin Eunice Martins, die auch für die Filmauswahl verantwortlich zeichnet, spielte auf einem z.T. präparierten Flügel und einem kleinen Harmonium, der türkische Komponist und Musiker Özer nahm die Klänge des Gespielten über ein Mikrophon auf und transformierte sie mit Hilfe computergestützter Live-Elektronik.

Neun Kurzfilme aus den Jahren 1921 bis 1976 wurden durch die unter der Bezeichnung "Live-Komposition" firmierenden Klänge zu neuem Leben erweckt. Der erste, "Susan Through Corn" ist noch ein Tonfilm nach live gespielter Ouverture. Danach setzte das Duo wieder ein. Gewichtigster Punkt auf der Abendzeitachse: Ein 17minütiger Film über eine Schwenkbrücke ("Railroad Turnbridge" von Richard Serra), die abwechselnd Zügen und Schiffen die Passage freigibt. Durch sparsames und niemals lautes Vertonen des Schwarzweißopus, zeigen Martins und Özer mit ihrer Musik die Zerbrechlichkeit der menschlichen Versorgung, obwohl deren Wege aus schwerstem Metall gebaut sind.
Von Film zu Film wurde durch eine Art musikalischer Conférence übergeleitet. Das Spektrum der anfallenden Vertonungen reichte von sehnsuchtsvoller Raumschaffung bis hin zu trockener Sequenzeriteration, die aber nie in Starrheit versank.

Der Abend wurde zu einer Lehrstunde erfolgreicher Musikfusion. Eunice Martins, die sich als Stammpianistin des Arsenalkinos um das Neuerstehen von Stummfilmen seit Jahren einen Namen macht, hat einen unverwechselnbaren Stil, der in offener Tonalität jederzeit einen überraschenden Sprung in völlige Dissonanz erlaubt. Sie vollbringt das Kunststück, dass trotz dieser Offenheit nie ein Eindruck von Blutleere oder gar Beliebigkeit entsteht.

Die bis heute eher stiefmütterlich behandelte elektronische bzw. elektroakustische Musik erfuhr durch Mehmet Can Özer eine (in der Werbung übrigens schon lange übliche) Demonstration ihrer Praxistauglichkeit, sie wurde durchaus vor aller Ohren massentauglich; dies besonders übrigens durch die Tatsache, dass die Klänge, traditionellen Instrumenten oder elektronischen Equipment entstammend, von lebendigen Musikern hervorgebracht wurden. Ähnliche Klänge werden in Kinovorstellungen eigentlich schon lang eingesetzt, allerdings dann oft nicht als Musik wahrgenommen. Mehmet Can Özer musste in der anschließenden Diskussion klarstellen, dass er eigentlich keine Klangaufnahmen oder Samples im Sinne der musique concrète, sondern hauptsächlich "Real Time" erzeugte Klänge einsetzt, dies zu einem großen Teil improvisatorisch, aber durchaus klangbewusst, also nicht rein zufällig.

Hartgesottene Fans zeitgenössischer elektroakustischer Tonkunst haben wahrscheinlich an diesem Abend nichts wirklich neues vernommen, darauf kam es aber gar nicht an. Es wurden elektronisch generierte Klänge in den Betrieb der Filmmusik eingewoben, mal begleitend, mal im Vordergrund, Özer machte klar, dass es keiner eindeutigen Tonhöhen bedarf, um Musik zu machen, seine Klänge ließen keinen Zweifel daran, obwohl im traditionellen Sinne manchmal durchaus "geräuschhaft".

Die disziplinübergreifende, aber politisch unkorrekte Stilvereinigung ergab einen Spannungsbogen, der den ganzen Abend hielt, weil beide Akteure aufeinander hörten und uneitel ein gemeinsam hervorgebrachtes Klanggeschehen möglich machten. Der Synergieeffekt ergab einen sicheren und souveränen Vortrag, der nicht aufgesetzt wirkte im Sinne eines "Ich-mache-es-anders", sondern stets die Neugier wach hielt. Der im Publikum anwesende Musiker Torsten de Winkel äußerte sich über die Klangvielfalt der Liveelektronik, die oft überraschte, aber nie unpassend war.

Filmmusik ist im musikalischen Sinne immer Epigonenwerk gewesen, sie muss auf bewährtes zurückgreifen, und das ist auch ganz richtig so, zeigt sie doch etwas über die Alltagstauglichkeit von Tonkunst jedweder Art.
Mehmet Can Özer und Eunice Martins haben durch eine sehr von persönlichem Stil geprägten, aber der Sache Filmmusik dienenden Präsentation bewiesen, dass es nicht nur die Scholastik autistischer Elfenbeinturmbewohner auf deutschen Sommernuniversitäten ist, die die Musikentwicklung vorantreibt, sondern auch die Musikpflege für den täglichen Gebrauch, der Ausbau des Neuen für ein breiteres Publikum ohne Vorbildung. Das durchaus begeisterte Publikum kam zwar gestern mehrheitlich aus den Bereichen "Musik" und "Film", der Abend wäre aber dazu angetan gewesen, auch davon unbelastete Zuschauer zu faszinieren. Gedient wurde gleichermaßen den Gebieten "Neue Musik" und "Experimentalfilm".

Man kann hoffen, dass dieses Beispiel Schule macht und die Musikentwicklung endlich aus den üblichen oberlehrerhaften Positionen wie E und U oder einem neurotischen Atonalitätszwang herauskommen kann. Schließlich ist das ein freies Land hier.

(Michael Hoeldke)

Mehr Info: http://www.eunicemartins.eu/

Analog - Ein Plädoyer für Photographie mit Zelluloid

Analog - Ein Plädoyer für Photographie mit Zelluloid

Ein alte Kamera ist wertbeständig. Selbst wenn man eine analoge Spiegelreflex im Internet für 50,-€ kauft, kann man mit ihr gute Photos oder auch echte Kunst machen. In einem Film über den Meisterphotographen Martin Schoeller sieht man ihn mit einer alten Mamiya arbeiten, die im Internet in gutem Zustand allenfalls ein paar Hundert Euro kostet. Mit der macht er die berühmten Hillary-Clinton-Shots für den New Yorker. Ich glaube kaum, dass seine Photos besser würden, hätte er sie mit einer Zigtausend Euro kostenden State-of-the-Art-Kamera gemacht hätte. Er könnte sich eine solche Kamera durchaus leisten, vielleicht hat er sogar eine.

Aber Schoeller, das gilt für jeden guten Photographen, ist selbst State of the Art. Ein guter Photograph hat ein Konzept für seine Bilder, er sieht sie, bevor er abdrückt. Mit einer Kleinbildkamera für 50€ genau wie mit einer neuen Hasselblad. Jeder kann sich auf die Spuren guter Photographie begeben. Mit einer alten Kamera, die ist wertbeständig und wertvoll, gewinnt sie doch ihren Wert dadurch, dass ein Mensch sie hält. Kommt die Langsamkeit des Analogen hinzu, ändert sich der Zeitbegriff. Man nimmt sich Zeit, die man geschenkt bekommt.


Die Digitalphotographie hat Deutschland zu einem Land der Kameramänner gemacht. Jeds Event, jeder Spaziergang, alles, was irgendwie hübsch ist, wird digital eingepixelt. Insofern ist es schon wichtig, etwas besonderes zu liefern, will man in der täglichen Photoflut im Internet überhaupt beachtet werden, es sei denn, man hat sich auf Schmusetiere spezialisiert.

Die Ruhe, die die Verwendung von Zelluloid zu Photozwecken ausstrahlt, ist nicht mehr zeitgemäß. Das ist eben kein Real-Time-Arbeiten. Man braucht lange, um ein Sensorium für Kameraeinstellungen zu bekommen, damit man beruhigt abdrücken kann, ohne sofortige Kontrolle. Neben dieser Wartezeit kommt noch die Entwicklungszeit dazu, die übrigens in geeigneten Geschäften für 35-mm-Farbfilme nur etwa eine Stunde dauert, aber den meisten schon zu lang ist. Lässt man sich trozdem darauf ein, erlebt man einen unerwarteten Reiz.

Mit der Pflege der analogen Photographie reiht man sich aus. Jede Aufnahme ein Risiko. 12, 20 oder 36 Aufnahmen, und man hat einen Film verschossen. Das kostet.
Neben der Wertigkeit alter Kameras ist jede Betätigung des Auslösers ein Akt größerer Bedeutung. Paradoxon: Kostet die Aufnahme durch bessere Arbeit weniger, ist sie mehr wert. Keine Reserve einiger Hundert oder gar einiger Tausend Aufnahmen: Das erhöht den Reiz, das Risiko des Scheiterns einzugehen und dabei Erfolg zu haben.

Analog-Photographie vermittelt ein Gefühl für Endlichkeit und Wert. Ähnlich wie beim Essen: Eine kleine Portion eines leckeren Gerichts fördert den langsamen Konsum. Der Genuss und die Lust am Leben wachsen. Die Endlichkeit des Schönen macht attraktiv. Die Langsamkeit lädt zum Verweilen ein.

All dies macht das analoge Photo zum Genuss. Schon bei der Aufnahme. Digitale Erfahrung kann man dabei trotzdem wunderbar einbringen.

(Michael Hoeldke)