Freitag, 22. Mai 2026

Die Vermittlung von Musik - Leo van Doeselaar zu Gast in der Stadtkirche zu Biel

 Die Vermittlung von Musik - Leo van Doeselaar zu Gast in der Stadtkirche zu Biel

 

Leo van Doeselaar liebt die Kommunikation. Dazu verfügt er über Handwerkszeug wie kaum ein anderer: Er ist ein erstrangiger Musiker und Musikkenner. Und er ist ein Menschenfreund. Diese Kombination findet sich nicht häufig.

 

Mit diesem Werkzeug kann er Orgel-Meisterseminare wie eines in der Bieler Stadtkirche aufbauen, das am 9.Mai dort stattfand. Man konnte dort ein Musikstück spielen, das man zuvor angemeldet hatte. Damit stellte van Doeselaar dann zunächst eine Verbindung zwischen drei Menschen her: Dem, der dort spielte, dem Schöpfer des Werkes und sich selbst. Er ist in der Lage, in wenigen Worten die Charakterzüge eines Stücks und seine Bedeutung im Werk des Komponisten (hier in den meisten Fällen J.S. Bachs) zu benennen. So erscheint das Stück geschichtlich und interpretatorisch in einer Position, von der aus eine stichhaltige Charakterisierung des jeweiligen Vortrags möglich ist. 

 

Besonders wichtig hierbei: Van Doeselaar bezieht in seine Betrachtungen den Interpreten behutsam mit ein. Er sieht, wann der Betreffende in seinem Spiel zu heftig, zu beiläufig oder - wie in vielen Fällen - zu ungeduldig ist. Musik, ob geschrieben, gespielt oder gehört, ist immer Korrespondenz zwischen Menschen. Van Doeselaar weiß dies. In welchem Zusammenhang wird sie geschrieben, gespielt gehört? Was will man mit der Musik sagen, ausdrücken? Für die Vortragenden (ausnahmslos Berufsmusiker) ist ein solches Seminar eine seltene Gelegenheit, das eigene Spiel einem großen Vertreter der tönenden Kunst zu präsentieren. Das belastet manchmal auch und lässt manches Detail, eine Phrasierung, eine agogische Geste und einfach diese oder jene Note auf der Stecke bleiben. Der Gestus des Herablassenden ist Van Doeselaar fremd, und so geht er behutsam auf gutes und weniger gutes ein; er sagt: „Hier darf man sich verspielen“, um dann eine veränderte Interpretation der Stelle vorzuschlagen, manchmal auch vorzuspielen, alles wohlbegründet und gestützt von großem Hintergrundwissen, das er auf (man darf sagen) sehr kurzweilige Weise zu präsentieren weiß. 

 

Er geht dabei so weit, darzustellen, wie Bach eine Stelle hätte weiterschreiben können, es dann aber nicht getan hat, aus guten Gründen, mit den Konsequenzen in der Weitergestaltung einer Kompositon (und wie man sie dann spielt). Hier geht es oft weniger um musikalische Fachbegriffe, als um menschliche Seelenzustände wie Freude, Trauer oder Entschlossenheit. Nicht selten weiß Leo van Doeselaar eine Anekdote oder ein Zitat aus dem geistigen Zusammenhang eines Stücks, einer Uraufführung oder einer Randnotiz im Autographen. Damit illuminiert er anschaulich die Notwendigkeit, einen angesprochenen Aspekt zu überdenken, und man weiß, warum man eine Stelle nicht zu langsam nehmen sollte. Am Ende dürfen alle eine verbesserte Version des jeweiligen Stücks bewundern, nein bestaunen.

 

Das alles passiert in einer gelösten, aber nicht allzu lockeren Atmosphäre, van Doeselaar bleibt stets ungezwungen, er muss sein außerordentliches Können nicht ständig unter Beweis stellen, die Kursteilnehmer wissen ohnehin, warum sie gekommen sind; und zu ihrem großen Glück möchte der Meisterorganist sie an seinem großen Wissen teilhaben lassen, er teilt gern, versteckt sich nicht hinter seinen Kenntnissen. Und er hat Freude an Bewegung.

 

Leo van Doeselaar hat als Kind, anders als die meisten seiner Kollegen, zuerst Kontakt mit der Orgel aufgenommen, später mit dem Klavier; seine Eltern spielten beide Orgel und führten ihn kindgemäß spielerisch an das Instrument heran, dies scheint eine glückliche Erfahrung zu sein. Sie mag dazu geführt haben, dass sein heutiger Umgang mit Musik, ob als Lehrender oder als Vortragskünstler um so vieles natürlicher ist, als man das bei den üblichen Stereotypen und Behaviourismen in Musikerkreisen kennt. Nie vergisst er, zu loben, und dies ist mehr als eine bloße Floskel. Nichts, aber auch nichts deutet auf das affektierte Verhalten hin, das man Musikschaffenden gerne zuordnet, und mit dem die Künstler bestehende Vorurteile gern eigenhändig bestätigen.

 

Ein Meisterkurs bei Leo van Doeselaar bekommt durch dessen Natürlichkeit und Nichtarroganz etwas unbeschwertes, lebensnahes. Durch diese Leichtigkeit verliert die unterrichtete Materie aber keineswegs an Gewicht oder Bedeutung, im Gegenteil: Dies war zu jeder Sekunde ein Meisterkurs! Hier trafen gute Musiker auf einen herausragenden Lehrer, das Wort „Meister“ ist nicht zu hoch gegriffen.

Nach dreieinhalb Stunden endet der Kurs, alle wirken heiter, manche sind glücklich, viele wird man am Folgetag zum Konzert wiedertreffen. Es gibt Musiker, die machen süchtig.

 

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Das Konzert am 10.Mai in der Bieler Stadtkirche hatte den Titel: „Vom Mittelalter zur Gegenwart: Die Orgel neu gedacht.“ 

 

Das bedeutet keineswegs, dass Tradition hier hinterfragt oder in Zweifel gezogen werden soll. Kein Umdenken, sondern eine Erweiterung des bisher gedachten. 

Die Musik des ersten Teils wurde auf der „Schwalbennestorgel“ gespielt und stammt aus dem 14. bis 16. Jahrhundert (Anonymus, Agricola, Scheidt). Den „Neugedanken“ des altmusikalischen Teils bildete „Estampie“ des österreichischen Komponisten Frank Danksagmüller, der historische Tonfolgen aus Mittelalter und Barock als Ausgangspunkt für sein Stück genommen hat. Die historische (mitteltönige) Stimmung der „kleinen“ Stadtkirchenorgel unterstreicht die zeitliche Ferne der alten Werke. Sie zeigt aber auch durch Danksagmüllers „Estampie“ und das wie selbstverständlich erscheinende Spiel van Doeselaars, wie erstaunlich ähnlich die Dissonanzwirkung von Chromatik in den mittelalterlichen Stücken und in der Musik des 1967 geborenen Österreichers einander sind. Hier bedingt der alte Gedanke die Entstehung des neuen in offen hörbarer Weise.

 

Dann kam der Instrumentenwechsel, den Leo van Doeselaar nutzte, auf dem Weg zwichen den Orgeln kurz haltzumachen, um einige erläuternde Worte zu den beiden Konzertteilen zu sprechen. Wer nicht im Meisterkurs war, hatte nochmals Gelegenheit, seine lebendige Referierkunst zu bewundern. 

Mit allem Positiven der Bedeutung des Wortes: Leo van Doeselaar ist unterhaltsam.

 

Der zweite Teil des Konzerts beginnt mit der Choralbearbeitung „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ von J.S.Bach. Danach wagt van Doeselaars Programm entschiedene Schritte aus dem kirchlichen Rahmen heraus. Gleichzeitig wird die oft allzu ernste Grundstimmung der Kirchenmusik verlassen, Heiterkeit durchbricht das evangelische Grau. Ligetis Wort vom „Dinosaurier Orgel“ wird widerlegt. Robert Nasvelds „Organ Talk“ wurde eigens für van Doeselaar komponiert und lässt die Metzler-Orgel tatsächlich sprechen, wie van Doeselaar es in seiner „Interlude-Einführung“ versprochen hatte.

 

Die Ironie in Charles Ives’ „Variations on ,America’ “ verbindet eine scherzhaft-parodistische Sicht auf das „typisch Amerikanische“ zwischen Southern Belle, Cow Catcher und Sousaphone mit liebevoller Zuneigung zu eben diesem Phänomen. Van Doeselaars Spiel zeigt hier ein Lächeln, das sich schnell auf die Gesichter der Zuhörerschaft überträgt und scheint dabei zu sagen: „Dies ist mein Verhältnis zur Musik: Oft gekünstelt und für fremde Zwecke missbraucht, ist sie doch meine ganz große Liebe und sagt so vieles, was mein Mund nicht auszusprechen vermag. Sie wird immer diese große Liebe bleiben.“ Ich meine, Ives und van Doeselaar haben hier viel gemeinsam.

 

„Konzertstück (Romancero III)“, op.21 des (fast) in Vergessenheit geratenen Philipp Jarnach ist ein Parforceritt durchs Leben und durch musikalische Aggregatszustände. Man kann hier nur empfehlen, noch andere Stücke Jarnachs ausfindig zu machen, es gibt ein gar nicht so kleines Œvre des Komponisten. Leo van Doeselaars Version des op.21 rührt nicht nur an; sie rüttelt auf, bewegt, ein Feigling, der sich nicht traut, dabei eine Träne zu vergießen. Das Stück stammt von 1928, es erstaunt, dass es so wenig bekannt ist. Für das Konzert ist es ein Markstein.

 

Nachdem van Doeselaar die Orgel schon hat sprechen, aber auch klagen, schreien und vor allen Dingen singen lassen (sein Cantabile ist einzigartig), bittet er noch mit Igor Stravinsky zum Tanz, in drei Sätzen, die eigentlich für Klavier gedacht sind. Nach dem hochdramatischen Jarnach ein heiteres und hochwillkommenes Intermezzo.

 

Finale des Konzerts: Bachs Fantasie und Fuge g-moll BWV 542. Das Stück war auch Bestandteil des samstäglichen Meisterkurses und löste an einigen Stellen bei den Kursteilnehmern, die sich im Konzert wiedergetroffen hatten, so manches Lächeln aus, spielte der Meister doch gerade das, was er am Vortag unterrichtet hatte. Das Werk gehört zu den oft gespielten in Orgelkonzerten, allerdings passiert nur selten das, was van Doeslaar hier zeigte: Ein selten gesehenes Spielvermögen, ein intakter musikalischer Atem der korrespondieren Abschnitte in der Fantasie, eine optimale Transparenz in der hochpolyphonen Struktur der technisch äußerst anspruchsvollen Fuge. Nie kam ein kritischer Moment, man konnte sich konzentriert und doch gelöst dieser fast mit den Händen zu greifenden Spielfreude Leo van Doeselaars hingeben. Oft im Leben trifft man nicht auf solche Konzerte.

 

Das Programm hat eine hochklassige Konsistenz, besteht es doch aus Stücken, die für Durchschnittsmusiker wohl weniger geeignet sind; die gezeigte Hochklassigkeit ist aber mitnichten Selbstzweck oder Bestandteil einer Leistungsschau. 

 

Dieses Konzert bestätigt vielmehr, was Leo van Doeselaar im Meisterkurs am Vortag schon vorgelebt hat: Musik soll Seelen bewegen. 

Angefangen bei der Komposition, beim Lesen und Einüben, bei der Vermittlung an Studierende, beim Vortrag: Immer findet ein Akt der Kommunikation statt, die komponierten Bewegungen der Seele müssen vermittelt, am Ende muss Musik aufgeführt werden, sonst bleibt sie nichts weiter als Tinte auf Papier. Leo van Doeselaar hat diesen Weg menschlicher Berührungen bei seinem Besuch in Biel beschritten. Als Mensch, als Lehrer, als Virtuose, mit der ihm eigenen Feude an Bewegung.

 

Glücklich kann man sein, ihn in Biel gehabt zu haben. Danke, Leo van Doeselaar.

 

@hoeldke 2026

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