die decke des kraftwerk wird zum himmel, du weißt nicht, ob sky oder heaven, schau zu!, sonst bekommst du nichts ab vom leben. helle kugeln an langen abstrakten, die nach anderen kugeln suchen, sich verbinden, jede kugel ist ein leben.
erst eine, dann eine andere, sie können miteinander, wollen miteinander, sie lieben und hassen sich, kein unterschied, sie müssen sich verbinden, bilden linien, gruppen, ein netz, viele netze.
ein monster über dir, ganz nah und in sicherer entfernung, schwerelos sich windend, tanzend, überall diese musik.
ein dom über dir, nie hat gott so gut ausgesehen.
netzwerke gebären sich selbst. verbindungen sind bewegungen, die materie netz existiert nur durch bewegung, so lebt sie.
das leben entwickelt sich: eine reihe leuchtet, tanzt was vor, lädt ein zum mitmachen, schnell findet sich was mit einer anderen reihe, sie leuchten zusammen, greifen Raum, die farbe gleich, rote welt.
bewegung bildet farbe, man findet sich, alles künstlich, alles virtuell, täuschend unecht wie das leben da draußen. das gefühl, im netz zu sein! die bewegung ist reine täuschung, deine augen machen gerne mit, atemberaubend schnell, miteinander ist gegeneinander, die freundschaft nur ein bild, alles bildet sich ab, immer schneller, nicht einmal das tempo ist echt. manche herrschen, andere folgen.
ist das ein stern? mann ist der groß! genauso viel masse, als wär er gar nicht da, die farben, die farben, DIE FARBEN!
nein, das sind ein paar sterne, sie bilden sich streng nach der regel, bis die regel zerfließt. und immer mehr farben
farben
farben
farben
FARBEN
jede einzeln
jede in freiheit
kein gebilde mehr
kein sinn mehr
kein verstehen mehr
freiheit
enden muss es
die frage nach dem leben stellt sich
die antwort stimmt
Jetzt raus an die Luft!
©hoeldke2015
#roberthenke #monolake #klangkunst #electronica #ctm2016
Montag, 8. Februar 2016
Freitag, 29. Januar 2016
Michael Vorfeld - "Glühlampenmusik" Performance und Gespräch im Berliner „ausland“
Der Perkussionst und Künstler Michael Vorfeld gastierte am 28.Januar 2016 im Berliner „ausland“ (Lychener Str.6) im Rahmen der Vorlesungs- und Konzertreihe „Die Reihe - Beiträge zu auditiver Kunst und Kultur“ des Elektronischen Studios der TU Berlin und des Studienganges „Sound Studies“ derUdK Berlin. Anschließend: Podiumsgespräch mit der Musikwissenschaftlerin Sabine Sanio.
Ich betrete den eher kleinen Konzertsaal des „ausland“, der betont spartanisch mit kleinen Notsitzmöbeln ausgestattet ist, bin früh dran, bekomme einen Sitzplatz in der ersten Reihe, sehr bald müssen die ersten Zuhörer stehen.
Ich sitze vor einem großen Tisch, der mit Leuchtmitteln, Schaltelementen und Kabeln völlig übersät ist. An einer Längsseite ist ein kleines Audiomischpult aufgestellt, das ist mit den Leuchten und Schaltern verbunden; es liefert die Klänge, zum Teil mit Tonabnehmern und Mirophonen eingefangen, an eine Saalanlage.
Michael Vorfeld macht Geräusche von Lampen zu Musik, Geräusche von Schaltern, Dimmern, den Leuchtmitteln selbst, manche kennen wir aus dem eigenen Haushalt, manche werden durch Verstärkung überhaupt erst hörbar. Sirren, Piepen, Brummen, Knacken und das, was Vorfeld daraus entwickelt.
Ich staune, wie viele verschiedene Lampentypen es gibt, wie viele davon auf der Tischfläche vor mir liegen, wie viele kleine Geräte, die ich nur zum Teil kenne und nur inetwa erkenne.
Vorfeld beginnt, die Saalbeleuchtung verlischt und macht Platz für die Lichter der Vorführung. Aus Knacksen werden Töne, sehr tiefe, andere sehr scharf. Ein Klang zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Stück, das 40 Minuten zur Kurzweil werden lässt: Eine Art gläserne Glocke, vertraut im Klang, aber ein erstaunliches Eigenleben führend. Der Tisch wird dabei zu einem freundlichen Gewitter.
Der Künstler macht sehr schnell klar, dass hier Musik aufgeführt wird: Obwohl er improvisiert, rührt Vorfeld nie in einer trüben Suppe auf der Suche nach dem Weitergehen des Stücks, er wechselt einzelne Leuchten gegen andersartige, andersfarbige, er weiß jederzeit, was er tut, auch wenn die Entwicklung nicht bis ins Detail feststeht. Große Bögen entstehen, flächige oder rhythmische, bekannte, unbekannte Klänge bilden mit ihren Auftritten eine Satzstruktur, jeder Abschnitt hat seinen Charakter, jeder klingt anders, leuchtet anders, hat eine gute Konsistenz, die Klänge sammeln sich, sind aber kein Sammelsurium.
Vorfeld ist Musiker, er performt konzentriert, man sieht ihm an, wie wichtig das Gelingen ist. Und die Lampenmusik ist wirklich multimedial: Die Musik würde ohne die Lampen nichts besonderes darstellen, das kleine Leuchtmeer wäre ohne die Musik nichts besonderes, aber beide zusammen bilden eine Einheit, von der ganz erstaunliche Energie ausgeht. Der Klang, das Leuchten zeigen die Brüchigkeit unserer Wahrnehmung, man könnte hier ohne Strom gar nichts wahrnehmen, man denkt an den Energieverbrauch, an die Euro-Leuchtmittel. Aber die kritischen Gedanken können keinen Raum gewinnen, Gott sei Dank, in einem guten Restaurant isst man nicht wegen der Ernährung, man will genießen. Und das kann man an diesem Abend im „ausland“. Man kann die Augen schließen, das erhellt die Sache sogar noch. Schnell gibt man auf, herausfinden zu wollen, welche Lampe für welchen Klang leuchtet, man genießt die Kraft, die das Werk auf einen ausübt, den Rausch, den man empfindet, man lebt den Ritus, den Michael Vorfeld zelebriert, völlig focussiert, ganz ohne Caprice.
Es war so schnell vorbei: Ein leiser Schluss, ein Smorzando, aber ganz entschieden. Wir applaudieren gern, wir sind ist begeistert. Der Sound, von der Klangregie wunderbar in den Raum projiziert, lief ohne jedes Problem, war ein Kunstwerk für sich, die technische Leitung hatte ganze Arbeit geleistet. Forte ist eben nicht laut.
Nach der Performance das gefürchtete Podiumsgespräch. Sabine Sanio bereitet eine angenehme Enttäuschung. Sie stellt ihre Fragen so, dass man etwas über Michael Vorfeld und seine Kunst erfährt, seine Anfänge in der Klangforschung im Alter von vierzehn, die Arbeitsweise, mit der er seine Klänge verwendet, seine Gedanken über die Technik im Angesicht von Energiesparmaßnahmen. Sanio macht einen guten Job: Sie fand das Konzert selbst so gut, dass sie keine Lust hat, die Kunst mit Wissenschaft zu stören. Die Abschlussfrage, wie denn das Musikinstrument hieße, auf dem Michael Vorfeld spielt, bleibt unbeantwortet. Höchst befriedigend!
Ein toller Abend. Eintritt frei. Berlin ick liebe dir!
P.S. Wer möchte, gibt „Michael Vorfeld“ bei YouTube ein und kann sich einen Eindruck verschaffen.
©hoeldke2016
Donnerstag, 21. Januar 2016
Was hat Elektroakustische Musik mit Heino zu tun? #electracoustic #heino
Quo vadis, oder: Was hat Elektroakustische
Musik mit Heino zu tun?
Die Elektroakustische Musik ist aus dem Wunsch
nach Wandel entstanden. Der Wandel in Richtung Innovation ist ihr ein ständiger
innerer Motor. Trotzdem kann man nicht erwarten, dass das allen willkommen wäre.
Denn wie jede Revolution ihre Kinder frisst, hat
sich auch hier ein neues Establishment gegründet, vielleicht um jedes Elektronische
Studio ein eigenes, mit Gewohnheiten, Rollenverständnissen und Pfründen. Die
Elektroakustische Musik ist selbst zum Bestand geworden.
Man hat damals in den Sechzigern Klaviatur,
Dur, moll und Metrik auf den Index gesetzt, um eine Musikrichtung zu schaffen,
die wirklich eine Neuentwicklung ermöglicht und nicht zurückgreift auf
Vorhandenes. Dieses Verbot hat sich so sehr zum Dogma verselbständigt, dass bei
der Entwicklung neuer elektronischer Klangerzeuger diejenigen beargwöhnt und zu
Tabuobjekten erklärt wurden, die ein Klaviermanual aufwiesen; so sehr, dass ein
Durakkord, der sich in diesem oder jenem Stück entwickelte oder einschlich,
Kitschvorwürfe auslöste.
Wenn sich innovative Bewegungen etablieren
(mehr können auch sie nicht), um dann ihrerseits neue Dogmen auszubilden,
werden sie oft ärgerlicher als die Umstände, zu deren Bekämpfung sie einst
angetreten waren. Der Grund hierfür ist, dass sich die Bewegten mit religiösem
Eifer hinter ihren Ideen verschanzen, sich isolieren, Gedankenspiele nicht
zulassen.
Was heißt das für die Elektroakustische Musik?
Von Anfang an gab es kleine Denkscharmützel über grundsätzliche Fragen. Morton
Subotnik sprach von „kleinen Schlachten“ in Europa, in denen es darum ging, „ob
man ein Mikrophon nehmen darf oder nicht.“ Ergebnis ist gewesen, dass man die
kalifornische Institution dann „Tape Music Center“ nannte. Und die war offen:
Man hat in San Francisco z.B. über eine Zusammenarbeit mit Janis Joplin
nachgedacht. Jeder Klang durfte Musik sein.
Die technologische Entwicklung bedingt, dass
Elektroakustische Musik immer wieder neu gedacht werden muss.
Früher waren es nur die Studios für
Elektronische oder Elektroakustische Musik, in denen Klangforschung betrieben
wurde. Elektronik wurde groß geschrieben, war etwas besonderes, wollte entdeckt
werden. In den Studios standen die großen Rechner, die man dafür brauchte, das
hat sich grundlegend geändert. Kaum jemand braucht noch ein Studio, um
Elektroakustische Musik zu machen. Oder doch?
Im Prinzip reicht heute ein Mobiltelephon. Den
Klang, den es noch nicht gibt, gibt es nicht mehr. Damit ist aber auch eine
Barriere gefallen, die „Amateure“ von „Professionellen“ getrennt hat. Auch
Musiker ohne akademischen Hintergrund haben Zutritt zu elektronischen
Musikwerkzeugen, den selben Werkzeugen, die auch „Studierte“ benutzen. Dabei
kommen elektroakustische Verfahren auch in anderen Musikgenres zum Einsatz. Die
Klänge, die man z.B. in Clubs hören kann, fordern also förmlich eine Fusion
der Stile.
Dazu kommen zunehmend Klangerzeuger im Eigenbau
- Software wird geschrieben, Geräte werden gelötet, montiert, geschraubt.
Umfunktionierte Instrumente, erweiterte Studiogeräte oder völlige
Neuentwicklungen machen große Schritte auf die Klangkunst zu. Die Nähe der
Elektroakustischen Musik zur Klangkunst und zur Performance hat es schon immer
gegeben.
Keine Skandalkonzerte mehr, bei denen man wütend
den Saal verließ, wegen der Kunst, der geschändeten. Heute trifft man sich im
Bioladen an der Kasse, ohne einen Hauch von Spannung. Die Elektroakustische
Musik ist zum Stillstand gekommen.
Die Elektroakustische Musik braucht Anschub,
egal, von wo. Ich habe via Hashtags Vokabeln nachgeschaut: Chiptunes, Glitch,
Clicks’n Cuts, Fixed Media, alles auf der Suche nach neuen Eindrücken. Die
ließen und lassen aber auf sich warten. Die Hashtags brachten nichts zutage,
was ich nicht schon seit mindestens zwanzig Jahren kenne. Man klickt sich
durchs Netz und hört, was Pink Floyd, Björk, the Buckinghams (60er Jahre!)
gemacht haben, nur eben auf modernem Equipment. Man diskutiert über Künstler,
die Stile mischen wie Triphop, Breakcore, Barock etc. mit anderen. Stile mixen.
Kenne ich. Das macht James Last auch. Und Heino. Alle mixen sich was. Das muss
jeder Filmmusiker machen. Musikgeschichte remixen, wie es halt so kommt. Im
Westen nichts Neues. Ein bisschen mehr braucht es also schon.
#noise, #clicks&cuts, #chiptunes sind im
Augenblick von Bedeutung, #Electronica hat sogar einen richtigen Markt. Das
meiste wird wieder verschwinden, größtenteils, weil es der zweite Aufguss von
irgendetwas früherem ist. Aber die Kids hören es und machen es, lass doch der
Jugend ihren Lauf, und laufen wir mit!
Nur Vorsicht! Hashtaggen wir uns vorwärts, so
werden wir ziemlich schnell auf dem Musikmarkt landen. Die Gefahr, sich allzu
sehr zu kommerzialisieren, ist groß, das bedeutet, den Stillstand festzuzurren.
Aber: Forschen wir! Erzeugen wir ein Spannungsfeld zwischen
Erlaubtem und Verbotenem. Das ist immerhin ein Konzept, also auch recht
aktuell.
Wir hätten damals die Chance gehabt, Tangerine Dream oder Kraftwerk gegenüber offener zu sein. Diese Chance gibt es
nicht mehr. Was soll man also tun mit den Clubmuckern? Zuhören, Spaß haben,
Abklopfen auf neues und dabei die Tradition am Leben lassen.
Wesentliches Merkmal der Elektroakustischen
Musik ist immer das Experiment gewesen. Die Bindung an Studios hatte immerhin den
Vorteil, dass die Nähe zu Universitäten (zumindest in Deutschland und Europa)
immer eine Nähe zur Forschung nach Neuland bedeutet hat. Die jungen Musiker
müssen sich nun viel mehr „ums Geschäft kümmern“. So wird Geld allzu oft
wichtiger als Kunst.
Aber vielleicht liegt im Remix das Geheimnis.
Lassen wir Dinge zu, die verboten sind. Wagen wir den Heino. Er selbst muss es
ja nicht sein. Bauen wir ein Spannungsfeld auf. Concept Art, nicht als
Einzelströmung, sondern als Weg zur gegenseitigen Befruchtung.
#electronicmusic #electronica #Electronic #electroacoustic
#klangkunst
©hoeldke2016
Mittwoch, 6. Januar 2016
Tagesbeleuchtung
Heute morgen, naja, es war halb zehn, sah ich aus dem Fenster und dachte: Oh! Was für ein schöner heller Tag! Und ich war froh. Dieser Tag konnte mich mit keiner trüben nicht enden wollenden Dämmerung von vornherein bremsen.
Und dann habe ich mich geärgert, dass es schon halb zehn war. Ich hatte bis nach 21 Uhr gearbeitet, spät gegessen und bin erst um zwei ins Bett gegangen. Eigentlich wollte ich heute morgen früher anfangen zu arbeiten.
Aber vielleicht wäre das Licht um halb neun trübe gewesen und hätte mich gleich mit eingetrübt? Ich bin nun mal empfindlich, was das Tageslicht angeht, und Weltschmerz bringt nicht immer Kunst hervor. So kann ein Scheißtag anfangen. Es sei denn, ich mache das richtige. Ich sehe den trüben Morgen an und sage: „So kommst du mir? Das hast du dir so gedacht“ Und dann mach ich mir mein Innenlicht an und erwarte, dass es heller wird. Und fange den Tag an. Im Hellen.
©hoeldke2016
Dienstag, 10. November 2015
#WM 2006 - Ein guter Kauf
#WM 2006 - Ein guter Kauf
Nun ist es raus: Die WM 2006 ist gegen Bakschisch nach Deutschland gekommen. Und? War das so verkehrt? Natürlich war es das. Aber ist das Sommermärchen entzaubert? Nein! Und nichts wäre verlogener, als hier moralinsauer Kritik zu üben.
Deutschland war gut bedient damit. Es konnte zeigen, was es kann in puncto Gastfreundlichkeit und Organisationstalent. Keine Sklavenarbeiter, keine Winter- statt-Sommer-Termine, kein Nationalismus. Die Gäste haben sich wohl gefühlt in unserem Land, und wir uns mit ihnen. Deutschlands Ruf hat damals eine ganz entscheidende Wende erfahren, die Bundesbürger zeigten sich als harmlose Sportpatrioten, die Infrastruktur erwies sich als dem Gästeansturm gewachsen, die Republik feierte Party um Party, hatte was zu lachen, hatte der Welt etwas zu geben.
Die WM 2006 bescherte der #DFB-Elf sieben Heimspiele, der deutsche Qualitätsfußball kam ins Rollen, die Fans blieben friedlich. Deutschland hatte ein paar glückliche Wochen, sogar Fußball-Abstinenzler machten eine Ausnahme, wollten dabei sein.
Am Ende: Platz drei, es gab noch viel zu tun, aber Löw drehte ja im Hintergrund schon am Steuerrad hinter dem großen Zampano Klinsmann. Die Mannschaft war sympathisch und fair, selbst die Halbfinal-Niederlage gegen Italien landete irgendwie auf der Habenseite, war man doch nicht sportlich unterlegen, sondern in puncto Abgebrühtheit.
Natürlich kommt jetzt das Lamento mit vielen Konjunktiven, Zeigefinger werden ausgestreckt, um von sich selbst abzulenken, die Anständigen stehen auf, weisen auf die moralischen Verfehlungen hin, trauern laut, weil der Sport, ja nicht nur der, sondern „das Sportliche an sich“ unter die Räder gekommen ist. Und weil Deutschland, unser Deutschland nun überraschenderweise doch so korrupt war und offenbar immer noch ist.
Die Freude jener Tage zwischen 9.Juni und 9.Juli ist nicht verderbbar. Es war eine tolle Zeit für alle. Man kann die Zeigefinger wieder einziehen, egal, ob sie nun auf Personen oder einfach in die Höhe gerichtet sind.
Am Ende werden ein paar Köpfe rollen, und bestimmt nicht aus größtmöglicher Höhe. Wie immer.
Dennoch: Der Kauf der WM 2006 war illegal. Aber eben ein guter Kauf.
©hoeldke2015
Nun ist es raus: Die WM 2006 ist gegen Bakschisch nach Deutschland gekommen. Und? War das so verkehrt? Natürlich war es das. Aber ist das Sommermärchen entzaubert? Nein! Und nichts wäre verlogener, als hier moralinsauer Kritik zu üben.
Deutschland war gut bedient damit. Es konnte zeigen, was es kann in puncto Gastfreundlichkeit und Organisationstalent. Keine Sklavenarbeiter, keine Winter- statt-Sommer-Termine, kein Nationalismus. Die Gäste haben sich wohl gefühlt in unserem Land, und wir uns mit ihnen. Deutschlands Ruf hat damals eine ganz entscheidende Wende erfahren, die Bundesbürger zeigten sich als harmlose Sportpatrioten, die Infrastruktur erwies sich als dem Gästeansturm gewachsen, die Republik feierte Party um Party, hatte was zu lachen, hatte der Welt etwas zu geben.
Die WM 2006 bescherte der #DFB-Elf sieben Heimspiele, der deutsche Qualitätsfußball kam ins Rollen, die Fans blieben friedlich. Deutschland hatte ein paar glückliche Wochen, sogar Fußball-Abstinenzler machten eine Ausnahme, wollten dabei sein.
Am Ende: Platz drei, es gab noch viel zu tun, aber Löw drehte ja im Hintergrund schon am Steuerrad hinter dem großen Zampano Klinsmann. Die Mannschaft war sympathisch und fair, selbst die Halbfinal-Niederlage gegen Italien landete irgendwie auf der Habenseite, war man doch nicht sportlich unterlegen, sondern in puncto Abgebrühtheit.
Natürlich kommt jetzt das Lamento mit vielen Konjunktiven, Zeigefinger werden ausgestreckt, um von sich selbst abzulenken, die Anständigen stehen auf, weisen auf die moralischen Verfehlungen hin, trauern laut, weil der Sport, ja nicht nur der, sondern „das Sportliche an sich“ unter die Räder gekommen ist. Und weil Deutschland, unser Deutschland nun überraschenderweise doch so korrupt war und offenbar immer noch ist.
Die Freude jener Tage zwischen 9.Juni und 9.Juli ist nicht verderbbar. Es war eine tolle Zeit für alle. Man kann die Zeigefinger wieder einziehen, egal, ob sie nun auf Personen oder einfach in die Höhe gerichtet sind.
Am Ende werden ein paar Köpfe rollen, und bestimmt nicht aus größtmöglicher Höhe. Wie immer.
Dennoch: Der Kauf der WM 2006 war illegal. Aber eben ein guter Kauf.
©hoeldke2015
Montag, 2. November 2015
Richtungsweisungen - CSU statt AfD?
Nun hat der Flüchtlingsgipfel also nichts gebracht, außer vielleicht das Land einer Regierungskrise etwas näher. Was sich derzeit am provisorischen Migrantendrehkreuz in Passau abspielt, ist menschlich wie politisch erbarmungswürdig. Oberbürgermeister Dupper weiß sehr genau um die nur begrenzte Belastbarkeit der Mitarbeiter, die alles menschenmögliche tun, die Lage unter Kontrolle zu halten.
Ein „wir schaffen das“ muss ihm wie Hohn vorkommen, er kann sich nicht äußern, die parteipolitische Raison gebietet dies, er ist Sozialdemokrat, aber er weiß, was ein volles Boot ist. Die Großkopferten auf dem Krisengipfel konnten sich nicht einigen, ebenfalls aus Parteidisziplingründen. Entlastung der Situation ist gefragt, mit ungeliebten, weil drastischen Mitteln. Ausgerechnet die CSU befindet sich an nächster Stelle zur Realität mit ihren Plänen für „Transitzonen“, ein netter Name für Internierungslager, die nun leider notwendig geworden sind. Man muss diejenigen, die unmittelbaren Anspruch auf Zuflucht haben, früh von denen trennen, die zwar auch gewichtige Gründe haben, hierher gekommen zu sein, aber eben nicht einem Kriegselend zu entkommen versuchen. Sagte da jemand „Selektion“? Prioritäten gilt es zu setzen, ein grausamer Vorgang für die, die das Los getroffen hat, „nur“ ihrer wirtschaftlich aussichtslosen Situation ein Ende setzen zu wollen. Doch gelten muss: Kriegsflüchtlinge haben hier Vortritt.
Die Erreichtung solcher Lager ist unumgänglich, es wäre naiv, anzunehmen, dass nicht tausende versuchen würden, aus „Einwanderungszentren“ heraus anonym in der Illegaltät unterzutauchen, man kann sie nicht erst auf das Land verteilen, um sie anschließend zurückzuführen. SPD und CDU müssen noch parken in ihrer „Wir-schaffen-das“-Sackgasse, sie haben keine Lust, sich als „Lügner“ beschimpfen zu lassen, weil sie in Sachen Willkommenskultur den Mund zu voll genommen haben. Man darf gespannt sein, wie sie sich herauswinden werden. Die CDU hat die Fühler schon mal ausgestreckt, doch der CSU ist das zu wenig. Sie wird weiter drängen, weiter drohen.
Allein, die sich abzeichnende Abspaltung der Chistsozialen von der Schwesterpartei ist als Phänomen nicht neu; die Fraktionsgemeinschaft ist 1976 ja auch schon einmal aufgekündigt worden, 2005 diente so etwas als Drohkulisse gegen eine Jamaica-Koalition. Wäre es nicht eine gute Idee, diesen Gedanken zu Ende zu denken und die Trennung diesmal zu vollziehen, also bei der nächsten Wahl eine bundesweite CSU in den Ring zu schicken?
Unter Angela Merkel hat die CDU begonnen, in den Wassern der SPD zu fischen, statt sich einer ihrer Kernaufgaben zu widmen, nämlich auch die Konservativen am rechten Rand zu befriedigen, dafür standen einmal Figuren wie Dregger, Strauß oder Lummer Pate. Gemeint ist die Wählerschaft, die man als rechts, aber nicht rechtsradikal bezeichnen kann, wie es eine immer dumpfer werdende Clique auf der linken Seite zunehmend versucht. Tatsache ist: Hätte die CDU/CSU mehr „rechten Schneid“ gehabt, würde es nur einer sehr kleinen Minderheit einfallen, montags auf PEGIDA-Demos mitszustolpern, wo jetzt echte Rechtsradikale wahre Fischereihafenfeste feiern können. Stattdessen hat die Kanzlerin die Union sozialdemokratisiert, das bringt die bürgerliche SPD in Nöte, was macht man, wenn man nicht die Postkommunisten oder die Fast-Pensionäre von den Grünen wählen möchte, aber die CDU nicht mag?
Merkel ist großen Teilen der Unionsparteien schon lange ein Dorn im Auge: Eine Frau, und dann auch noch eine Ost-Frau. Zwar hat sie bei Ziehvater Helmut gelernt, wie man die Schwerkraft am Amtssitz vergrößert, doch den konservativen Auftrag hat sie verkannt, die Partei ist nach links gerückt, der biedere Unionswähler ist da geblieben, wo er war, nun läuft er in die Richtung der Brandstifter. An der Parteibasis zeigt sich ein Riss, tief und mit jeder Kontroverse schlechter zu überbrücken; Griechenland, Homo-Ehe, Flüchtlingskrise: Alles Themen, die für das Land oder zumindest für seine konservative Partei zur Überlebensfrage anwachsen können. Es warten hoffnungsfroh die AfD und andere besorgte Bürger mit ihrer Willkommenskultur.
Ein Seehofer mit seiner Autorität könnte, wenn er mit einer bundesweiten CSU auftritt, der momentan zahlenstarken, aber labilen AfD das Wasser abgraben, sprich, die Wähler wegnehmen. Denn die Mehrheit derer, die die Rechtsalternativen wählen, wollen eigentlich kein Viertes Reich, sie wünschen Kontrolle über die Immigrationswelle. Seehofer kann die natürlich genauso wenig garantieren wie der Fahnenschwenker Höcke, doch würde eine Bundes-CSU die Wähler wieder ins eindeutig demokratische Spektrum zurückholen, im Bundestag für eine neue Art der Unionsmehrheit sorgen, die Stahlhelmer dabei etwas zähmen. Früher waren die übrigens nicht nur unionsaffin, sondern fanden auch in der F.D.P. ein Zuhause, die auf der rechtskonservativen Seite ein politisches Angebot bereithielt, nun aber als Politsekte mit großer Vergangenheit und winziger Zukunft vor sich hindümpelt. Eine bundesweite CSU könnte die Union wieder konservativer machen, der sympthisch-menschliche Zug, den Merkel mit ihrer Tor-Auf-Geste evoziert hat, würde zwar verblassen, aber für die politische Landschaft wäre es auf Dauer besser, wenn man die neue Rechte auf diese Weise trockenlegte.
©hoeldke 2015
Montag, 5. Oktober 2015
Hausmusik als Gesellschaftsform - Jam Session im A Trane in der Berliner Bleibtreustraße.
Es ist immer irgendwie mehr als ein Konzert: Ab Null Uhr spielen Musiker aus einer unübersichtlichen Anzahl von Nationen eine Jazzclub-Hausmusik. Und immer wieder finden gute Protagonisten der Szene dorthin. Eintritt frei.
Die Musiker, die sich auf der Bühne oft zum ersten Mal begegnen, finden trotzdem ohne jede Vorbereitung vom ersten Moment an zusammen, bilden eine Spontanband, die ohne Probe spielen kann, mit und ohne Noten.
Man arbeitet zusammen, nicht nur auf der selben Bühne, sondern gleich am selben Projekt, dem Song, dem Musikstück. Jeder hat gleichermaßen ein Interesse daran, dass er selbst und auch alle Mitwirkenden zur tragenden Säule einer kleinen Gesellschaft werden.
Es gibt ein Regelwerk, an das sich alle halten müssen: Der Song. Melodie und Begleitakkorde sind allen bekannt, bilden das Gerüst, das Gesetz. Tempo und Stil werden vorher abgesprochen. Jeder weiß, worauf man achten muss, um anderen nicht in die Quere zu kommen mit seinem Instrument, nicht „dazwischen zu reden“. Es ist ein Dialog, ein Zusammenleben da vorne, das will bewältigt werden. Kein Teilnehmer dieses Mikrokosmos darf auf seiner Bahn einem anderen in die Quere kommen, jeder hat seine Aufgabe im System, hält den Stern, um den alle kreisen - den Song - in der Balance.
Die Interaktion zwischen den Musikern auf der Bühne ist ein Forum für den Hörer. Zwar sind alle Mitwirkenden Professionals, aber: Keiner der Zuhörer braucht musikalische Fachkenntnisse, um den Vorgängen auf der Bühne folgen zu können. Es wäre gut, mal eine Schulklasse auszuführen und nach Vorbereitung eine solche Session zu besuchen. Man müsste Ihnen mal eine ganz besondere Exkursion gönnen, dafür vielleicht sogar eine Sondergenehmigung einholen, wegen Uhrzeit und Jugendschutz. Dann können sie aus nächster Nähe erleben, wie eine spontan zusammengewürfelte Gesellschaft sich findet, verständigt und funktioniert, sogar mit Spaß an der Sache.
@hoeldke 2015
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