Freitag, 22. Mai 2026

Februar und März auf DEGEM Webradio @ ZKM: Herbert Brün - Musik verstehen



Der Komponist, Musiker und Forscher Herbert Brün ist eine schillernde wie in sich widersprüchliche Persönlichkeit. Er hat Musik als Informationsträger angesehen und ihre historischen Wesensmerkmale sehr stimmig entschlüsseln können.

Herbert Brün hat eine Vita, die wohl mit kaum einer anderen zu vergleichen ist. 1936 durfte er im damaligen Palestina studieren. Er hat dann in Jerusalem erfahren, dass die Nazis in Berlin seine Eltern ermordet hatten.

Sein Lebenswerk bestand darin, Kommunikationsbarrieren abzubauen. Musik ist ihm hierbei der wichtigste Informationsträger gewesen. Er hat die halbe Welt bereist und mit Vorträgen, Musik, und Graphiken erweitert.

Die Sendung „Herbert Brün - Musik verstehen“ ist die Rundfunkversion eines Vortrages, den ich im Herbst 2014 in Bern gehalten habe.



Herbert Brün



Die Musiktitel, die auf den einzelnen Tracks zu hören sind:

01. Herbert Brün: Wayfaring Sounds, Siemens AG / EMF CD 00624 |

02. Lejaren Hiller: ILLIAC Suite, Auszüge aus allen vier Sätzen CMJ CD 20-1 |

03. Herbert Brün: U-turn-to, Sounds Siemens AG / EMF CD 00644
    Herbert Brün: Non sequitur VI, Sounds Siemens AG / EMF CD 00624

04. Herbert Brün: Mutatis mutandis 7 (Lesley Olson, Flöte);
    Komponist könnte auch heißen „Lesley Olson, nach einer Graphik von Herbert Brün“
    Sounds Siemens AG / EMF CD 00634

05. Herbert Brün: Dust (Auszug);  Sounds Siemens AG / EMF CD 00644

06. Herbert Brün: A Mere Ripple, Sounds Siemens AG / EMF CD 00644

07. Herbert Brün: I toLD You So (Gekürzt), Centaur CRC 2045, CDCM Vol. 3 / EMF CD 00644
    Herbert Brün: Dust (Auszug);  Sounds Siemens AG / EMF CD 00644



Mail- und Webadressen:

http://www.designingasociety.net/
http://www.herbertbrun.org/
www.herbertbrun.net

Zur Werkrecherche Elektroakustischer Musik:
Internationale Dokumentation für Elektroakustische Musik
www.emdoku.de
(Umfangreiche Datenbank zum Nachweis für EM-Werke)

Wenn Sie das Original einer Brün-Computergrafik besitzen, wenden Sie sich bitte an:
lfay@prairienet.org (Preservation Projekt of Performers' Workshop Ensemble) Erfassung des graphischen Werks H.Brüns

H.Brün: Mutatis mutandis 13, Computergrafik, 60er Jahre (Ausschnitt)




Die Vermittlung von Musik - Leo van Doeselaar zu Gast in der Stadtkirche zu Biel

 Die Vermittlung von Musik - Leo van Doeselaar zu Gast in der Stadtkirche zu Biel

 

Leo van Doeselaar liebt die Kommunikation. Dazu verfügt er über Handwerkszeug wie kaum ein anderer: Er ist ein erstrangiger Musiker und Musikkenner. Und er ist ein Menschenfreund. Diese Kombination findet sich nicht häufig.

 

Mit diesem Werkzeug kann er Orgel-Meisterseminare wie eines in der Bieler Stadtkirche aufbauen, das am 9.Mai dort stattfand. Man konnte dort ein Musikstück spielen, das man zuvor angemeldet hatte. Damit stellte van Doeselaar dann zunächst eine Verbindung zwischen drei Menschen her: Dem, der dort spielte, dem Schöpfer des Werkes und sich selbst. Er ist in der Lage, in wenigen Worten die Charakterzüge eines Stücks und seine Bedeutung im Werk des Komponisten (hier in den meisten Fällen J.S. Bachs) zu benennen. So erscheint das Stück geschichtlich und interpretatorisch in einer Position, von der aus eine stichhaltige Charakterisierung des jeweiligen Vortrags möglich ist. 

 

Besonders wichtig hierbei: Van Doeselaar bezieht in seine Betrachtungen den Interpreten behutsam mit ein. Er sieht, wann der Betreffende in seinem Spiel zu heftig, zu beiläufig oder - wie in vielen Fällen - zu ungeduldig ist. Musik, ob geschrieben, gespielt oder gehört, ist immer Korrespondenz zwischen Menschen. Van Doeselaar weiß dies. In welchem Zusammenhang wird sie geschrieben, gespielt gehört? Was will man mit der Musik sagen, ausdrücken? Für die Vortragenden (ausnahmslos Berufsmusiker) ist ein solches Seminar eine seltene Gelegenheit, das eigene Spiel einem großen Vertreter der tönenden Kunst zu präsentieren. Das belastet manchmal auch und lässt manches Detail, eine Phrasierung, eine agogische Geste und einfach diese oder jene Note auf der Stecke bleiben. Der Gestus des Herablassenden ist Van Doeselaar fremd, und so geht er behutsam auf gutes und weniger gutes ein; er sagt: „Hier darf man sich verspielen“, um dann eine veränderte Interpretation der Stelle vorzuschlagen, manchmal auch vorzuspielen, alles wohlbegründet und gestützt von großem Hintergrundwissen, das er auf (man darf sagen) sehr kurzweilige Weise zu präsentieren weiß. 

 

Er geht dabei so weit, darzustellen, wie Bach eine Stelle hätte weiterschreiben können, es dann aber nicht getan hat, aus guten Gründen, mit den Konsequenzen in der Weitergestaltung einer Kompositon (und wie man sie dann spielt). Hier geht es oft weniger um musikalische Fachbegriffe, als um menschliche Seelenzustände wie Freude, Trauer oder Entschlossenheit. Nicht selten weiß Leo van Doeselaar eine Anekdote oder ein Zitat aus dem geistigen Zusammenhang eines Stücks, einer Uraufführung oder einer Randnotiz im Autographen. Damit illuminiert er anschaulich die Notwendigkeit, einen angesprochenen Aspekt zu überdenken, und man weiß, warum man eine Stelle nicht zu langsam nehmen sollte. Am Ende dürfen alle eine verbesserte Version des jeweiligen Stücks bewundern, nein bestaunen.

 

Das alles passiert in einer gelösten, aber nicht allzu lockeren Atmosphäre, van Doeselaar bleibt stets ungezwungen, er muss sein außerordentliches Können nicht ständig unter Beweis stellen, die Kursteilnehmer wissen ohnehin, warum sie gekommen sind; und zu ihrem großen Glück möchte der Meisterorganist sie an seinem großen Wissen teilhaben lassen, er teilt gern, versteckt sich nicht hinter seinen Kenntnissen. Und er hat Freude an Bewegung.

 

Leo van Doeselaar hat als Kind, anders als die meisten seiner Kollegen, zuerst Kontakt mit der Orgel aufgenommen, später mit dem Klavier; seine Eltern spielten beide Orgel und führten ihn kindgemäß spielerisch an das Instrument heran, dies scheint eine glückliche Erfahrung zu sein. Sie mag dazu geführt haben, dass sein heutiger Umgang mit Musik, ob als Lehrender oder als Vortragskünstler um so vieles natürlicher ist, als man das bei den üblichen Stereotypen und Behaviourismen in Musikerkreisen kennt. Nie vergisst er, zu loben, und dies ist mehr als eine bloße Floskel. Nichts, aber auch nichts deutet auf das affektierte Verhalten hin, das man Musikschaffenden gerne zuordnet, und mit dem die Künstler bestehende Vorurteile gern eigenhändig bestätigen.

 

Ein Meisterkurs bei Leo van Doeselaar bekommt durch dessen Natürlichkeit und Nichtarroganz etwas unbeschwertes, lebensnahes. Durch diese Leichtigkeit verliert die unterrichtete Materie aber keineswegs an Gewicht oder Bedeutung, im Gegenteil: Dies war zu jeder Sekunde ein Meisterkurs! Hier trafen gute Musiker auf einen herausragenden Lehrer, das Wort „Meister“ ist nicht zu hoch gegriffen.

Nach dreieinhalb Stunden endet der Kurs, alle wirken heiter, manche sind glücklich, viele wird man am Folgetag zum Konzert wiedertreffen. Es gibt Musiker, die machen süchtig.

 

-

 

Das Konzert am 10.Mai in der Bieler Stadtkirche hatte den Titel: „Vom Mittelalter zur Gegenwart: Die Orgel neu gedacht.“ 

 

Das bedeutet keineswegs, dass Tradition hier hinterfragt oder in Zweifel gezogen werden soll. Kein Umdenken, sondern eine Erweiterung des bisher gedachten. 

Die Musik des ersten Teils wurde auf der „Schwalbennestorgel“ gespielt und stammt aus dem 14. bis 16. Jahrhundert (Anonymus, Agricola, Scheidt). Den „Neugedanken“ des altmusikalischen Teils bildete „Estampie“ des österreichischen Komponisten Frank Danksagmüller, der historische Tonfolgen aus Mittelalter und Barock als Ausgangspunkt für sein Stück genommen hat. Die historische (mitteltönige) Stimmung der „kleinen“ Stadtkirchenorgel unterstreicht die zeitliche Ferne der alten Werke. Sie zeigt aber auch durch Danksagmüllers „Estampie“ und das wie selbstverständlich erscheinende Spiel van Doeselaars, wie erstaunlich ähnlich die Dissonanzwirkung von Chromatik in den mittelalterlichen Stücken und in der Musik des 1967 geborenen Österreichers einander sind. Hier bedingt der alte Gedanke die Entstehung des neuen in offen hörbarer Weise.

 

Dann kam der Instrumentenwechsel, den Leo van Doeselaar nutzte, auf dem Weg zwichen den Orgeln kurz haltzumachen, um einige erläuternde Worte zu den beiden Konzertteilen zu sprechen. Wer nicht im Meisterkurs war, hatte nochmals Gelegenheit, seine lebendige Referierkunst zu bewundern. 

Mit allem Positiven der Bedeutung des Wortes: Leo van Doeselaar ist unterhaltsam.

 

Der zweite Teil des Konzerts beginnt mit der Choralbearbeitung „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ von J.S.Bach. Danach wagt van Doeselaars Programm entschiedene Schritte aus dem kirchlichen Rahmen heraus. Gleichzeitig wird die oft allzu ernste Grundstimmung der Kirchenmusik verlassen, Heiterkeit durchbricht das evangelische Grau. Ligetis Wort vom „Dinosaurier Orgel“ wird widerlegt. Robert Nasvelds „Organ Talk“ wurde eigens für van Doeselaar komponiert und lässt die Metzler-Orgel tatsächlich sprechen, wie van Doeselaar es in seiner „Interlude-Einführung“ versprochen hatte.

 

Die Ironie in Charles Ives’ „Variations on ,America’ “ verbindet eine scherzhaft-parodistische Sicht auf das „typisch Amerikanische“ zwischen Southern Belle, Cow Catcher und Sousaphone mit liebevoller Zuneigung zu eben diesem Phänomen. Van Doeselaars Spiel zeigt hier ein Lächeln, das sich schnell auf die Gesichter der Zuhörerschaft überträgt und scheint dabei zu sagen: „Dies ist mein Verhältnis zur Musik: Oft gekünstelt und für fremde Zwecke missbraucht, ist sie doch meine ganz große Liebe und sagt so vieles, was mein Mund nicht auszusprechen vermag. Sie wird immer diese große Liebe bleiben.“ Ich meine, Ives und van Doeselaar haben hier viel gemeinsam.

 

„Konzertstück (Romancero III)“, op.21 des (fast) in Vergessenheit geratenen Philipp Jarnach ist ein Parforceritt durchs Leben und durch musikalische Aggregatszustände. Man kann hier nur empfehlen, noch andere Stücke Jarnachs ausfindig zu machen, es gibt ein gar nicht so kleines Œvre des Komponisten. Leo van Doeselaars Version des op.21 rührt nicht nur an; sie rüttelt auf, bewegt, ein Feigling, der sich nicht traut, dabei eine Träne zu vergießen. Das Stück stammt von 1928, es erstaunt, dass es so wenig bekannt ist. Für das Konzert ist es ein Markstein.

 

Nachdem van Doeselaar die Orgel schon hat sprechen, aber auch klagen, schreien und vor allen Dingen singen lassen (sein Cantabile ist einzigartig), bittet er noch mit Igor Stravinsky zum Tanz, in drei Sätzen, die eigentlich für Klavier gedacht sind. Nach dem hochdramatischen Jarnach ein heiteres und hochwillkommenes Intermezzo.

 

Finale des Konzerts: Bachs Fantasie und Fuge g-moll BWV 542. Das Stück war auch Bestandteil des samstäglichen Meisterkurses und löste an einigen Stellen bei den Kursteilnehmern, die sich im Konzert wiedergetroffen hatten, so manches Lächeln aus, spielte der Meister doch gerade das, was er am Vortag unterrichtet hatte. Das Werk gehört zu den oft gespielten in Orgelkonzerten, allerdings passiert nur selten das, was van Doeslaar hier zeigte: Ein selten gesehenes Spielvermögen, ein intakter musikalischer Atem der korrespondieren Abschnitte in der Fantasie, eine optimale Transparenz in der hochpolyphonen Struktur der technisch äußerst anspruchsvollen Fuge. Nie kam ein kritischer Moment, man konnte sich konzentriert und doch gelöst dieser fast mit den Händen zu greifenden Spielfreude Leo van Doeselaars hingeben. Oft im Leben trifft man nicht auf solche Konzerte.

 

Das Programm hat eine hochklassige Konsistenz, besteht es doch aus Stücken, die für Durchschnittsmusiker wohl weniger geeignet sind; die gezeigte Hochklassigkeit ist aber mitnichten Selbstzweck oder Bestandteil einer Leistungsschau. 

 

Dieses Konzert bestätigt vielmehr, was Leo van Doeselaar im Meisterkurs am Vortag schon vorgelebt hat: Musik soll Seelen bewegen. 

Angefangen bei der Komposition, beim Lesen und Einüben, bei der Vermittlung an Studierende, beim Vortrag: Immer findet ein Akt der Kommunikation statt, die komponierten Bewegungen der Seele müssen vermittelt, am Ende muss Musik aufgeführt werden, sonst bleibt sie nichts weiter als Tinte auf Papier. Leo van Doeselaar hat diesen Weg menschlicher Berührungen bei seinem Besuch in Biel beschritten. Als Mensch, als Lehrer, als Virtuose, mit der ihm eigenen Feude an Bewegung.

 

Glücklich kann man sein, ihn in Biel gehabt zu haben. Danke, Leo van Doeselaar.

 

@hoeldke 2026

Freitag, 16. März 2018

Neue Kammermusik zum staunen - Blonk, Vorfeld, Wassermann im Berliner world in a room

Neue Kammermusik

Ein Konzert am 13.03.2018



Blonk, Vorfeld, Wassermann im Berliner world in a room

Das Trio hebt die scheinbar antipodische Widersprüchlichkeit der Instrumentengattungen Stimme/Perkussion auf. Das Schlagwerk singt, die Sänger trommeln, die Gravitation musikalischer Regelwerke scheint aufgehoben. Doch wer meint, nun sei die Revolution ausgebrochen und mit ihr würden aufgeregte und irritierte Fragen auftauchen, der irrt. Der Abend bringt Musik und keinen ästhetischen oder gar politischen Diskurs. Neue Musik, trotz ungewohnter Spiel- und Singtechnik so gekonnt vorgetragen, dass sie sich jedermann erschließt, ohne jeden Anflug von Beliebigkeit.

Neues erklingt. Nichts ist fremd. Dass man einem Schlagzeug kantable und einer Stimme perkussive Klänge abgewinnen kann, ist für niemanden ein Wunder. Die Art, auf die das an diesem Abend geschieht, erstaunt darum umso mehr.

Die beiden Vokalisten Jaap Blonk und Ute Wassermann vermögen es, mit Einsatz von Brust- und Kopfstimme und Modulationen von Vokalen, Konsonaten, Formanten, Gutturallauten oder Sprechgesten eine Klangwelt zu schaffen, deren Erforschung man nur gerecht wird, indem man nicht versucht, dieses Stimmfeuerwerk technisch nachzuvollziehen, sondern sich dieser Klangwelt stellt. So lohnt es sich, Ute Wassermanns mitgebrachtes Instrumetarium, das sie auf einem kleinen Panel bereit hält, mit geschlossenen Augen zu lauschen, also nicht deren Einsatz als Zuschauer zu überwachen. Wassermann setzt ihre Vogelstimmen, Pfeifen und anderen kleinen Klanggesellen sehr diskret ein, vermischt sie mit ihrem Gesang, lässt Stimme und Instrument überblenden, die Technik, sobald sie beherrscht ist, tritt in den Hintergrund, der Klang zählt. Wassermanns Stimmgewalt lässt jede Angestrengtheit verschwinden.
Jaap Blonk ist mehr als nur Vokalist, sein Auftritt umfasst neben dem Gesang den ausgiebigen Gebrauch von Kehlkkopf, Lippen, Atem. Da vermischt sich in einer leidenschaftlichen Affäre der Konsonanten f und b das Lippenpaar zu einem Triller im Crescendo, im nächsten Augenblick tritt Blonk vor, um mit der Geste eines sympathischen Conferenciers vemittelnde Worte zu sprechen, vorgetragen mit großem Charme. Später wird man Zeuge eines Schreis, ausgestoßen als Bekundung großen Schmerzes. Blonks variable Stimme sorgt für so manche Überraschung. Hört und schaut man ihm zu, begegnet man in seiner Performance gewiss einem Menschen, der man selber schon gewesen ist.
Beide Vokalisten schaffen es, im akusmatischen Sinne Räume zu schaffen. Die stimmlichen Äußerungen scheinen manchmal deutlich vor dem Gesicht der Sänger zu stehen. Die Zweistimmigkeit bildet oft einen gemeinsamen Klangkörper.

Für den Perkussionisten Michael Vorfeld gibt es keine Genregrenzen. Sobald er ästhetische Gebieten Gemeinsamkeiten abgewinnen will, wird er diese auch finden. Man kennt seine Kompositionen aus Lichtquellen und Lichtwelten aus Klang. Sie verbinden scheinbar unvereinbares, Licht klingt, Klang leuchtet. Heute spielt er gänzlich ohne Strom, obwohl elektrisierend. Heute sollen nur die Klänge leuchten.
Vorfeld versammelt eine Reihe zunächst unspektakulär wirkender Instrumente um sich, die er aber mit großer Selbstverständlichkeit neu interpretiert. Wichtige Sinnträger sind Geigenbögen, von denen er zeitweise zwei gleichzeitig einsetzt, auf Trommeln, Becken, Gong, Klangschale. Der Klang wird zum Sinn: Schlagzeug singt. Auch wenn Vorfeld schlägt, ist der Klang kantabel, als Solist oder im Chor, sein Instrumentarium ist vom Groove- und Beatgeber zum Vokalensemble geworden, zum Chor, verkleidet als Schlagzeug. Besondere Rolle spielt ein Streichinstrument, mit zahlreichen Klaviersaiten bestückt. Über vier Bünde gezogen, erhält Vorfeld drei unterschiedlich gestimmte Bereiche, die er mit seinen Geigenbögen streicht und streichelt, zu stehenden Arpeggien, die er behutsam, aber entschieden in sein Spiel hineinfließen lässt. Ständig muss Vorfeld neu registrieren, im Verlauf einer Phrase wechselt er oft mehrmals das Instrument. Man ist oft erstaunt, dass die Perkussion von nur einer Person gespielt wird.
Grund- und obertöniges Material schickt er damit auf die Reise, zu unseren Ohren und zu seinen beiden Partnern.

Sofort nehmen die Klänge den Hörer an der Hand und entführen ihn in ein Farbenreich, das zu sehen staunen macht, dessen Sinn aber nie im Verborgenen bleibt: Dieser Sinn heißt Musik.
Klangfarben, Phrasierungen, Ostinati, Rufen, Sprechen, Trommeln, Streichen bilden eine klare musikalische Sprache, ein Becken singt unisono mit menschlicher Stimme, freundliche Ansprache führt zu kontrollierten Explosionen, ein letzter Seufzer wird zum ersten, das Schlagwerk erklingt mit beiden Sängern im Satz.

Hauptakteur ist die Interaktion, das Zuspielen der Bälle, das Aufeinderhören, das Raum Geben. Jeder der drei Performer kann zum Aliquot eines anderen werden. Wird der Grundton leiser, wird der Klangfärber selbst zum Solo, läutet einen ein neuen Abschnitt des Stücks ein. Es gibt keine Partitur, kein Notat. Trotzdem entstehen echte Kompositionen.

Das Programm umfasst vier Stücke: Drei Duos - jeder mit jedem eines - vor der Pause, ein großes Trio nach der Pause.
Vorfeld, Wassermann und Blonk überwinden Widersprüche. Improvisation ist hier fern vom Zufall und bietet doch allen Raum für Spontaneität. Eigene Eitelkeit lässt immer Raum für die der beiden anderen. Man trägt einen Schatz zum Publikum, gemeinsam, zeigt ihn. Jeder darf sich etwas nehmen, es ist genug da. Alle drei Vortragenden verbindet eine Musizierfreude großer Strahlkraft.

Dies und noch mehr so geschehen im „world in a room - projektraum für fotografie“ in der Schöneberger Brunhildstraße. Eine kleine Galerie, ein wunderbarer Ort in berlinischer Altbauumgebung, voll Kunst und voll Klang.


world in a romm: https://www.worldinaroom.de/

Jaap Blonk: http://www.jaapblonk.com/
Ute Wassermann: http://femmes-savantes.net/lesfemmessavantes/ute-wassermann/
Michael Vorfeld: http://www.vorfeld.org/

©hoeldke 2018

Samstag, 10. Februar 2018

Charmanter Container - Die hyperMOODbox im Frankurter Hauptbahnhof


Charmanter Container

Noch bis zum 15. Februar soll sie stehen bleiben: Die hyperMOODbox dreier Frankfurter Künstler: Der Komponistin Annesley Black, des Künstlers und Komponisten Marc Behrens und der Sängerin, Performerin und Künstlerin Julia Mihaly. Platziert in die Halle des stets dicht bevölkerten Eingangsbereichs im Frankfurter Hauptbahnhof.

Entrée and welcome, please be seated! Sechs „Moods“ auf sechs Sitzplätzen in einem Abteil, jeder Platz ausgestattet mit einem Bildschirm, einem Kopfhörer und einer Steuerbox mit sechs Druckknöpfen, versehen mit je einem Emoji, von heiter bis traurig oder wütend. Drückt man einen dieser Knöpfe, bekommt man ein Video präsentiert, das zum gewählten Emoji passt, komponiert aus bewegten Bildern von tanzenden, lachenden, traurigen, wütenden Menschen, Bahnhofszubehör wie Hallen, Gleisen und Zügen und Musik, alles spielt sich im Frankfurter Hauptbahnhof ab. Drückt man den selben Knopf mehrmals schnell hintereinander, verleiht man dem jeweiligen Film ein Eigenleben, das der Zuschauer ihm einhaucht. Das nennt man fachlich-korrekt interaktiv, muss man aber nicht. Am Ende entsteht etwas wie ein Song, ein Remix aus aufgezeichneten und vorbereiteten Teilen, unmöglich festzustellen, woher gerade was kommt, denn es ist lebendig.

Mihaly, Behrens und Black verstehen es, echte Substanz mit einer heiteren Leichtigkeit auszustatten, so dass man auch die negativen Moods in etwas positives verwandelt, seien es die im Video gezeigten oder auch die selbst empfundenen. Die Gesichter unter den Kopfhörern lächeln, sind entspannt, setzen der „echten“ angespannten Welt eine erdachte, heiterere, aber nicht minder echte entgegen.

Wozu die Hektik?
Wozu der Stress?
Lass sie raus, die Träne, dann kann sie verdunsten!
Wozu weinen, wenn man lachen darf?

Hier darf man etwas. Hinein in einen Container voller Charme, naschen von der eigenen Seele! Ein öffentlicher Platz für eine Entspannungsmassage des Empfundenen, heiter, undogmatisch und uneitel.
Alles ist äußerst gekonnt gemacht. Wunderbar, dass es solche Künstler gibt und Institute, die bereit sind, etwas dafür zu bezahlen.

hyperMOODbox auf dem Frankfurter Hauptbahnhof. Hin und sich freuen!

Annesley Black: www.editionjulianeklein.de/black
Marc Behrens: www.marcbehrens.com
Julia Mihaly: www.juliamihaly.net

Gemeinnützige kulturfonds Frankfurt RheinMain GmbH
kulturfonds-frm.de


(Im April wandert die hyperMOODbox nach Darmstadt, im Juli nach Wiesbaden, und immer: Hbf)

Sonntag, 21. Januar 2018

Quo vadis, TU-Studio?

Was wird aus dem TU-Studio?

Am 17. Januar 2018 durfte es noch einmal aufleben, das Elektronische Studio der Technischen Universität Berlin: In der Veranstaltungsreihe EM4 hatte man zum zweiten Mal in die Akademie der Künste gebeten, um Musik, produziert zwischen 1978 und 2004 im TU-Studio, zu präsentieren.
 Besonders war im Anschluss an das kleine Konzert in einem Podiumsgespräch mit Folkmar Hein von der Zeit die Rede, in der er, Hein, der Studioleiter war, in den Jahren 1974 bis 2009. Hein ist das, was man in der Wirtschaft wohl einen dynamischen Menschen nennt, allerdings ohne die unter Geschäftsdynamikern übliche Geld—Macht-Attitüde. Und seine Dienstzeit war die, die man als die bemerkenswerteste Periode des Studios bezeichnen kann. Vorher hatte Boris Blacher das Studio geleitet, da hatte der Wiederaufbau-Mythos noch seine Gültigkeit, nach 2009 flaute der künstlerische Output merklich ab, der Geldhahn wurde allmählich zugedreht, besonders für die personelle Gestaltung. Kein Interesse mehr von Seiten des TU-Überbaus?

Hein hat dieses Studio erblühen lassen, indem er die Einseitigkeit des Namens Technische Universität unwirksam werden ließ. Dies war durchaus im Sinne der Namensgeber der TU, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs noch „Technische Hochschule“ hieß. Bei ihrer Neugründung 1946 als Universität wurde das Prinzip des studium generale eingeführt, demzufolge jeder dort Studierende auch einen Mindestanteil an nicht-technokratischen Studien wie Germanistik, Kunstgeschichte oder Musikwissenschaft absolvieren musste. Dies sollte allen künftigen deutschen Regierenden erschweren, die technikaffinen Studienfächer für mögliche Kriegsmaschinerien zu instrumentalisieren. All dies unter dem wohlmeinenden Blick der britischen Stadtkommandantur, die für Berlin-Charlottenburg zuständig war.

Folkmar Hein griff diesen Gedanken auf, als er am 1.Oktober 1974 die Leitung des Studios übernahm. Seine zunehmenden Kontakte zur UdK (damals noch HdK) und zur Akademie der Künste sowie zum Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) öffneten den damaligen Fachbereich „Kommunikationswissenschaft“ in Richtung Kunst und vor allen Dingen in Richtung Musik, der nobelsten aller Kommunikationsverfahren. Das Studio entwickelte sich mehr und mehr zu einer Einrichtung für Technologie und Musik. Heins erwähnte Dynamik zeigte sich in dem Vermögen, Kontakte zu knüpfen und Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Einen für West-Berliner eigentlich nicht zu begehenden Weg, nämlich den in die DDR schuf er, indem er die ostdeutschen Künstler einfach in anderen Ländern des Ostblocks traf, zum Beispiel beim „Warschauer Herbst“ in Polen. Eines der bedeutendsten Projekte stellte das Festival „Inventionen“ dar, das für viele nationale und internationale Protagonisten der Elektroakustischen Musik die Türen öffnete.
Darüber hinaus schuf Hein eine Mediathek mit über 10.000 Titeln und die Internationale Dokumentation Elektroakustischer Musik mit mittlerweile über 35.000 Titeln, Kosename „EM-Doku“. Jeden Donnerstag während der laufenden Semester fand seit 1985 die Schauveranstaltung „Elektroakustische Musik Hören“ statt, bei der neue Werke und ihre Schöpfer vorgestellt wurden. „EMH“ wurde von Heins Nachfolgern Bartetzki, Straebel und Pysiewicz noch bis 2015 weiter betrieben. Um eines nicht zu vergessen: Zahlreiche Komponisten, namhafte und weniger namhafte, konnten in dem Elektronischen Studio der Technischen Universität unter fachlicher Anleitung und mit tatkräftigem Beistand arbeiten.

All dies war aus zwei Gründen möglich:

1. Der Studioleiter war eine unbefristete Vollzeitstelle, die es ihrem Inhaber ermöglichte, mittel- und langfristig zu planen.
2. Folkmar Hein schaute nicht auf Arbeitszeiten, man kann ihn ohne Einschränkung als Idealisten bezeichnen. Viele Aktivitäten betrieb er aus Eigeninitiative und unter Einsatz persönlicher Mittel.

Als er 2009 in den Ruhestand ging, wurde die Stelle Heins abgeschafft und durch ein neues Modell ersetzt: Zwei Nachfolger erhielten auf fünf Jahre befristete Verträge, das Aufgabengebiet wurde aufgeteilt -neudeutsch „gesplittet“- in technische und künstlerische Leitung. Ihre ersten Inhaber waren André Bartetzki und Volker Straebel, die diese Aufgabe gut meisterten, obwohl die Motivation, die eine halbe Fünf-Jahres-Stelle evozierte, bestimmt nicht überbordete. Andreas Pysiewicz und Henrik von Coler machten danach oft unmögliches möglich. Sie hatten nach Straebel und Bartetzki die „technische Leitung“ inne. Und die künstlerische? Machten sie nebenbei freiwillig, und zwar gut. Man schaute auch weiterhin nicht auf einen arbeitsrechtlich garantierten Feierabend. Danach schrumpfte die Stelle auf ihre Hälfte. Nun hat Henrik von Coler die Aufgabe, das Studio allein zu leiten.

Der Fachbereich hat inzwischen einen neuen Namen: „Audio-Kommunikation“. Ein moderner Name, von dem man nicht weiß, ob er sich auf die Elektroakustische Musik an der TU irgendwie auswirken wird. Oder war das alles zu viel Kunst für eine Technische Universität? Noch ist das Studio da, am Einsteinufer 17c. Wird es sich noch einmal aufschwingen? An den Studiomitarbeitern liegt es nicht. Die sind nur so umfänglich beschäftigt, dass sie gar nicht mehr dazu kommen, die EMDoku zu pflegen, die „Inventionen“ zu reanimieren oder Komponisten dort arbeiten zu lassen. Schaut man auf die Verstaltungsseite der Studiohomepage, fällt die fehlende Dichte auf (http://www.ak.tu-berlin.de/menue/elektronisches_studio/produktionen_und_konzerte/parameter/maxhilfe/). Sollte das nun alles gewesen sein?

Keine Frage an die Mitarbeiter des Studios, sondern an die Technische Universität Berlin: Das TU-Studio ist ein Forum und ein Multiplikator für die Elektroakustische Musik gewesen. Und damit für das studium generale. Ist diese Zeit nun vorbei? Vielleicht eine naive Frage.

©hoeldke 2018

Sonntag, 21. August 2016

#Orge l-Experimente ‪#‎Bern‬/‪#‎Biel‬, CH, Köln, demnächst auf #HR2 #Musik #neuemusik

 Neue Klänge, alte Töne.

Offenbar meint man immer noch, sich für neue ‪#‎Orgeln‬ und Neue Musik entschuldigen zu müssen. In der Kölner Kunststation St.Peter war eine Führung, während mir der dortige Organist Dominik Susteck die Orgelanlage für meine neue Sendung erklärte. Die Führerin kommentierte die Klänge, die ‪#‎Susteck‬ mir vorgeführt hatte, u.a. mit den Worten: „Solche Musik muss man mögen.“
Kann ich nur sagen: Nein. Muss man nicht. Aber man darf.


In Bern und Biel hat man sich dem Zugriff auf den Wind durch den Spielvorgang auf der Klaviatur zugewandt, dies bringt neue Ausdrucksmöglichkeiten im musikantischen Bereich, Akzente durch veränderte Anschlagsintensität bzw. Sforzati bringen ein Mehr an Vitalität ins Spiel von Einzellinien. Die Möglichkeit, den Winddruck nicht nur zu drosseln, sondern auch zu erhöhen, ist in der hier realisierten Form einzigartig im Orgelbau. Klangliche Veränderungen können bei mehrstimmigen Spiel durch reine Windregulierung und ohne Registerwechsel herbeigeführt werden, das heißt, es gibt so etwas wie eine wind-interne Registrierung durch Über- und Unterblasen. Der Interpret muss sein Tastenspiel auf ein dynamisch sensibles Instrument einstellen, das man so nur mit mechanischer Traktur bauen kann.

In ‪#‎Köln‬ findet man dagegen eine elektronisch gestützte Orgel vor, die man mit einer Vielzahl von ‪#‎Registern‬ ausgestattet hat, die z.T. erstmals in einer Kirchenorgel verbaut worden sind. Diese kann man mit großer Variationsbreite untereinander kombinieren, was, verbunden mit zwei Winddrosseln für die zwei Teilorgeln auf dem Wege der Registrierung zu einer großen Flexibilität der Klanggestaltung führt, die viele Kompositionen wesentlich organischer klingen lässt. Eine solche Variabilität fordert nachgerade eine elektrische Registertraktur, damit man eine Setzeranlage mit 4000 freien Kombinationen nutzen kann. Zusammen mit der Transponierbarkeit der ‪#‎Koppeln‬ werden die Forderungen, die die neue Musik stellt, mehr mit den Registern erfüllt als im Spielvorgang.
Im Herbst soll auf ‪#‎HR2‬ davon die Rede sein. In zwei neuen Folgen der Reihe „Werkzeuge der Neuen Musik“. Über die Orgel.

©hoeldke2016

Montag, 15. August 2016

#Orgel-Glissando - erotisch? #Orgelmusik im Wandel





Der gerade, in der Höhe gleichbleibende Orgelton, das ist der Wille Gottes.

So oder so ähnlich versuchten gewisse Orgelbauer noch 1998 in Trossingen die Ideen einer Gruppe von Orgelexperten zu kritisieren, die sich zum Ziel gesetzt hatte, neue Wege im #Orgelbau zu gehen.
Schon 1961 hatten in Bremen ein Konzert im Bremer Dom abgesagt, aus Sicherheitsgründen, wie es offiziell hieß. Auf diesem Konzert sollte Musik von Ligeti, Kagel und Hambraeus aufgeführt werden. Neue Musik. Atonal. Unsingbar. Schreien, Pfeifen, Klopfen auf der Orgelempore. Beunruhigend. Später sollte zu einem Stück von Hans Otte auch noch getanzt werden. Evangelisches Grau war in Gefahr. Nun war man doch schon entmachtet, niemand glaubte mehr das jungfräuliche, und jetzt passierten so fürchterliche Dinge. Und sie nannten das „Neue Musik“. Ein Sicherheitsrisiko.

Eine Orgel ist eben kein normales Musikinstrument. Man kann sie nicht einfach woanders spielen, wenn ihre Musik vor Ort nicht erwünscht ist.
Eine Orgel ist immer gebunden an ihren Standort. Die Menschen, die sie umgeben, machen sie zur Anwohnerin oder zur Gefangenen des Hauses.

Wird ihr Betragen goutiert, wird sie geliebt. Das entscheiden sowohl diejenigen, die sie spielen, als auch die, die bestimmen wollen, was gespielt wird. Letztere sind allzu oft diejenigen, die nichts von Musik verstehen. Aber von Grau. Und von Jungfrauen. Und haben das Sagen. Aber nur noch in der Kirche.

Die #Orgel hat etwas jungfräulich-unbeholfenes, ist mehr ein Gerät als ein Instrument, ist mehr physikalisch als musikalisch. Ein Ton auf ihr wird an- wird ausgeschaltet, ganz einfach; diese Primitivität hat durchaus ihre Berechtigung, schließlich ist der Ursprung der Orgel ein paar Jahrtausende alt. Erst der orgelspielende Mensch verleiht der Physik seine Musikalität, begegnet der gepanzerten Grobheit mit Menschlichkeit, muss tricksen in einer Welt des Unumgänglichen und ewig Bestehenden und Feststehenden, um etwas Bewegung hineinzubringen.
Nur ist der Irrtum der, dass der starre, der unverrückbare Orgelton nicht göttlichen Willen, sondern menschliche Unbeholfenheit repräsentiert. Den Musikern gelingt es immer wieder, diesen Sauriern fließende, ja elegante Bewegungen zu entlocken, letzten Endes bleibt Orgelmusik aber in gewisser Weise übergewichtig, unfähig zu echtem Legato.

Die Königin will ein neues Lied. Dafür muss sie noch ein paar Töne lernen, was heißt, ein paar? Es sind viele neue Töne, viele neue Klänge. Dafür ist sie bereit, die Schulbank zu drücken, sich ein neues Herz und auch eine neue Lunge zuzulegen. Denn sie wird mehr Luft brauchen, viel mehr. Denn die Königin will singen. Ein neues Lied.

Wenn Gott eine Sprache hat, ist es die Musik. Das weiß jeder. Sogar die Atheisten. Wenn sogar die das zugeben, soll Gott doch bitte so reden, wie sich das in einer Kirche gehört. Dafür braucht man keine neuen Instrumente. Eine Orgel, die rauscht, jault und schlägt, braucht man nicht. Die ist gottlos. Man hat sich mal festgelegt, wie Gott redet. Bei Bach. Bei Reger. Bei Liszt. Messiaen noch, aber dann ist Schluss. Das muss angenehm klingen, damit keine Zweifel aufkommen.

Ab dem Zwanzigsten Jahrhundert hat Gott nämlich nichts neues mehr gesagt. Oder doch?

Sie hießen #Ligeti, #Otte, #Bares, Peter, #Zacher und #Kagel. Sie heißen #Susteck, #Glaus, #Szathmáry, Böttcher, #Alfter und Van #Coppenolle.
Zum Glück waren es so viele, sind es so viele, dass man sie hier nicht alle nennen kann:
Diejenigen, die die Königin zum Lachen, zum Schreien, zum Jaulen, zum Atmen und zum Keuchen bringen.
Klingt das erotisch? Ja, und vielleicht ist das der Grund, dass man meint, so könne Gott nicht sein, das könne er nicht wollen. Zum Glück greifen immer wieder Menschen ins Gottgewollte ein.

Im Herbst soll auf HR2 davon im #Radio die Rede sein. In zwei neuen Folgen der Reihe „Werkzeuge der Neuen Musik“. Über die Orgel.

So weit der Werbeblock.

©hoeldke2016


Mittwoch, 10. August 2016

Pfeifendünkel - Plädoyer für Digitalorgeln (Eine traurige Orgel-Glosse)



Es herrscht Dünkel in der Welt der Orgeln, wie überall in der Musik. Bei den Recherchen für meine Sendungen auf HR2 konnte ich mich dem gar nicht entziehen. Selbst bei Künstlern von höchsten Graden sind Ressentiments gegenüber Kollegen und Musikrichtungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und gewissermaßen haben sie alle ihre Berechtigung, die Künstler, die Richtungen, und auch die Ressentiments dagegen.
Jedes Thema ist geeignet. Wenn man sich für etwas entscheidet, entscheidet man sich gegen etwas anderes. Diese Ablehnung zeigt sich bei manch einem nur durch stilles Nichterwähnen, bei anderen wird man bei einem Gespräch in eine bestimmte Richtung lanciert, und dann gibt es Zunder: Gegen Ligeti, gegen Schlagzeug-Register, gegen Taizé, gegen Jazz auf der Orgel. Die Palette ist breit, jeder fordert sein Privat-Zölibat. Alle wettern!

Aber alles hat seine Grenzen, besonders, wenn es an die Verhinderung normaler kirchlicher Abläufe geht. Ich bin einige Dutzend Male im Jahr nebenberuflich als Organist unterwegs, häufig in Krankenhäusern, wo ich ziemlich beliebt bin: „Endlich passiert was im Spitals-Zwangstacet!“ In den dortigen Kapellen finden sich umständehalber kleinere Instrumente, oft elektronische Orgeln. Wenn die betagt sind (25-30 Jahre), sind die metallenen Bauteile oxydiert: Defekte Tastenkontakte sorgen dafür, dass nicht alle Töne, die ich spiele, auch erklingen. Schmutz, der in die Ritzen zwischen den Klaviertasten gefallen ist, sorgt für Hänger (Töne, die nicht ausgehen). Die Registertaster knacken oder funktionieren zum Teil gar nicht. Die Fußschweller sprechen nur unzuverlässig an. Es ist eine Strafe, auf solchen Instrumenten seinen Dienst zu versehen, geschweige denn, etwas aus der Literatur vorzuspielen.

Mein Lieblingsbeispiel: In einer Krankenhauskapelle in Wannsee befindet sich die dortige Ahlborg-Orgel in besonders beklagenswertem Zustand. Eine Reparatur kommt nicht in Frage, die Kosten würden den (Rest-)Wert des Instruments übersteigen, und nach drei Jahren wäre die Orgel in schlimmerer Kondition als im Augenblick, weil die Reparaturen Flickwerk wären; denn es gibt keine Originalteile mehr, der Reparateur müsste herumtricksen, das ist fast nie eine gute Lösung. Ein neues Instrument (5000,- bis 7000,-) ist mehr als fällig. Der Krankenhaus-Überbau stellt sich quer, was Finanzierung angeht.

Ich wandte mich an das Evangelische Konsistorium. Von dort schrieb mir einer der dortigen Ober-Kirchenmusiker einen zweiseitigen Brief, in dem er mir die Nichtzuständigkeit dieser landeskirchlichen Behörde darlegte, gleichzeitig aber auch ein erschreckendes Zeugnis  seiner Haltung gegenüber solchen elektronischen Instrumenten abgab. Er verwies, dass es im Besteben der Landeskirche läge, nur Pfeifenorgeln zu fördern und meinte, dass es in der betreffenden Krankenhauskapelle eher angebracht sei, eine kleine Pfeifenorgel zu installieren. Nun mag er ja mit der kirchenmusikalischen Praxis an so unbedeutender Stelle nicht mehr recht vertraut sein. Er schien aber zu meinen, dass er sich über den technischen Stand des elektronischen Hausorgelbaus gar nicht informieren müsse. Für ihn sind und bleiben Elektronische Kirchenorgeln minderwertige Surrogate.

Ein digitale Orgel klingt längst nicht mehr so künstlich wie noch vor zwanzig Jahren, und das hat seinen Grund: Die Töne sind gesampelt, das heißt, man hört Originaltöne, die aufgenommen wurden, und die man für die Tastatur spielbar gemacht hat, Register für Register. Ein Standardinstrument bietet die Auswahl zwischen verschiedenen unterschiedlichen Orgeln (z.B. Barock, Romantik etc.), dazu mehrere Stimmungen (Gleichschwebend, mitteltönig, Werckmeister etc.). Zwar hat man es immer noch mit einem Imitat zu tun, doch handelt es sich bei einem solchen digitalen Instrument durchaus um eine ernstzunehmende Orgel, auf der man sogar mittelgroße Stücke der Orgelliteratur durchaus spielen kann. Man findet neben der genannten Auswahl an verschiedenen Grunddispositionen etwa 30 Register mit allen notwendigen Spielhilfen. All das wusste der Schreiber des freundlichen Antwortbriefes aus dem Konsistorium offenbar nicht, und er meinte, das auch nicht wissen zu müssen.

Zum Vergleich: Eine (gebrauchte) Kleinorgel mit Pfeifen und Gebläse für immerhin 10.000,-€ bietet vielleicht fünf Register, angehängtes Pedal (Achtfuß, also ohne Tiefbass) und hat nur ein Manual. Dadurch hat man keine Möglichkeit, triomäßig zu spielen, d.h. in der Praxis, die Melodie eines Chorals hervorzuheben, indem man sie auf einer anderen Tastatur spielt; die Gemeinde kann dann besser mitsingen. Ein entscheidender Teil des Bach’schen Orgelbüchleins lässt sich darauf auch nicht oder nur unter großen Einbußen spielen, ganz zu schweigen von französischen Romantikern. Dennoch meinte man im Konsistorium, nur eine „wahre“ Orgel sei es wert, „Orgel“ genannt zu werden. Ich bewundere Kompetenz, wo immer sie auftaucht.

Es ist überhaupt nicht in Abrede zu stellen, dass eine Digitalorgel kein Ersatz für ein Pfeifeninstrument in einer großen Kirche sein kann (und auch nicht will). Für eine Krankenhauskapelle mit 40-50 Plätzen ist aber ein modernes elektronisches Instrument die bessere, weil variantenreichere Wahl für bessere Musik. Eine Pfeifenorgel in vergleichbarer Preislage klingt zwar vielleicht voller, aber wegen seiner wenigen klanglichen Möglichkeiten einseitig und im Ergebnis langweilig.

Nun habe ich während meiner Stoffsammlung für meine Orgelsendungen einige bedeutende Vertreter der zeitgenössischen Orgelmusik kennengelernt, die die Kirche oft gegen sich hatten. Allerdings muss man zu Gute halten, dass damals (in den 60ern) eine musikalische Revolution stattfand, also echte Umwälzungen in Komposition und Orgelbau, damit kann man schon mal anecken. Man hatte es mit einer Musik zu tun, die wenig gewohntes bot und die trotzdem höchst kunstfertig war, was man beweisen musste. Dazu kommt bei Kirchens immer die Angst dazu, dass sich etwas ändern könnte.

In meinem Fall ging es einfach darum, eine Krankenhauskapelle mit einem geeigneten Instrument für gottesdientliches Spiel und ab und zu ein kleines Konzert auszustatten. Ich weiß sehr wohl um den Wert und den Klang einer großen Kirchenorgel, ganz besonders, wenn ich selbst mal darauf spielen darf. Aber ich sehe nicht ein, dass in kleinen Kapellen ein Zwang zu Minimalismus, ausgedrückt in den ewig gleichen fünf Registern und einem Bass, dem schlicht eine Oktave fehlt. Dazu kommt, dass, wenn man den Wünschen im Konsistorium nachkäme, das Projekt in noch weitere Ferne rücken würde, da ein Pfeifeninstrument sehr viel teurer wäre.

Ich glaube, ich bin jetzt wieder ein Stückchen besser instruiert, warum es mit der Musik in Kirchen abwärts geht. Denn ich hatte ja bei meinem Schriftwechsel niemanden von der Geistlichkeit vor mir, dem man ja eine gewisse musikalische Unwissenheit zu billigen mag, sondern einen vorgesetzten Musiker des Kirchenkreises.

Dünkel erdrückt notwendigen Pragmatismus.
©hoeldke2016

Dienstag, 23. Februar 2016

Wie die Elektroakustische Musik zum Deutschen Zoll kam

(Logo der HP "Zoll online")

Wie die Elektroakustische Musik zum Deutschen Zoll kam

Und da habe ich bei einer Jury mitgewirkt. In einem kanadischen Wettbewerb für Elektroakustische Musik. Ehrenamtlich. Fünfzig Stücke angehört. Schlechte. Gute. Zum Glück mehr gute. Elektroakustische Stücke. Meine Freunde wissen: Ich halte diesen Krach für Musik. Für ganz normale Musik.

Leider existiert diese Jury nur online…Kanada...ist noch keine Kerbe in meinem Holz; auf meinem Wunschzettel steht Kanada schon.
Naja, man macht das mit, weil es Spaß bringt. Ein paar Tage lang hört man Musik. Eine schöne Beschäftigung. Jedes Werk wird bewertet. Möglichst kompetent, und man möchte niemandem Unrecht tun. Am Ende mailt man einen Bewertungsbogen nach Kanada. Zur Belohnung bekommt man irgendwann eine CD mit der Musik der Erstplatzierten. Jedesmal (ich habe nicht immer Zeit dafür) wenn ich das mache, der selbe Vorgang. Dachte ich.

Die CD kam. Und sie kam nicht. Es kam eine Benachrichtigung vom Zollamt. Eine Briefsendung aus Kanada sei eingegangen, die gewissen Richtlinien nicht entspreche. Ich machte mich auf den Weg, 20 Minuten mit dem Auto, und schon war ich da, in der Kufsteiner Straße, ganz nah beim alten RIAS, das Zollamt ist in einem Flachbau, der irgendwie provisorisch anmutet. Ich stellte mich an, nach einer Viertelstunde trat ich vor eine schwerathletisch anmutende Dame. Es kam mir vor, als hätte ich sie schon einmal gesehen, vor rund 30 Jahren beim Abfertigungspersonal für die Einreise nach Ostberlin, pardon, in die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin! Da war sie bei den „Grenzschutztruppen der DDR“. Aber das konnte nun wirklich nicht sein. Trotzdem, Physiognomie und Feldwebellinnentonfall stimmten. Die Uniform saß. Stramm.

Ich zeigte meinen Benachrichtigungszettel, erwähnte, dass ich wisse, um was es sich bei der Sendung handelte, um ein Gesschenk, eine CD, nicht ohne vorher meine Stimme auf das Preset "gut gelaunt" gestellt zu haben. Schon Konfuzius rät: "Ist der Feind überlegen, meide den Kampf." Der Erfolg meiner Taktik hielt sich in engen Grenzen, genau gesagt, er stellte sich nicht ein. Woran lag es? Ich weiß es nicht.
Statt ein verbindliches Lächeln zu versuchen, murmelte mein starkes Gegenüber etwas von "es isnich klar, was dadrinne is,...", wenn der Umschlag etwas enthielte, das mehr als 22Eurofuffzich wert sei, müsse ich Steuern oder Zoll (oder beides) zahlen, ich erinnere mich nicht mehr genau. Die Walküre reichte mir eine Wartenummer, Nr.71, das Display stand auf 58. Auf meine Frage, ob sie ungefähr einschätzen könne, wie lange ich warten müsste, sagte es: "Woher soll ickendet wissen?" und drehte sich um; ich begab mich zu den Warteplätzen.

Zum Glück waren meine Mitwartenden recht nett. Ein Bilderbuchpärchen war da mit einem Bilderbuchsohn, so einem Kind mit Kulleraugen, das mit jedem flirtete und persönliche Fragen stellte wie: „Musst du auch so lange warten?“ Ja, musste ich. Und dann wartete noch eine junge Dame, die Material für Motortuning aus Übersee erwartete. Ich fragte sie, ob mein Auto auch mit so einem Chip aufzufrischen wäre. „Ja, det is ganz leicht!“ Dann verriet sie mir noch, dass 15 PS mehr für meinen Flitzer rund 220 Euro kosten würden, und dass sie eigentlich Anwältin sei. Ich fand daraufhin meine PS-Zahl ausreichend.

Brünhilde hatte inzwischen ihren Schreibtisch verlassen, um zu Mittag einen anderen Drachen zu erlegen. Nach nur 120 Minuten war die 70 an der Reihe. Die nächste war meine…denkste. Die 63 und 64, die die Anzeige vorher übersprungen hatte, wurden nun nachgeholt, ich beschäftigte mich mit Magenknurren, oder beschäftigte das Magenknurren mich?

Ein und siebenzig! An Platz Nr.3. Endlich! Ich ging durch die Tür zum Platz Nr.3, ohne jede menschliche Anwandlung stand da Brünhilde. Sie sah mich nicht an, sondern las irgendetwas auf einem irgendwie amtlichen Blatt Papier. Die konfuzianische Weisheit hatte mich in den vergangenen 150 Minuten schrittweise verlassen, ich fragte, ob ich…„Moooooomänt ja? Ick mussdet hier lesen!“ Dann ging sie für eine gefühlte Woche nach hinten, kam mit einem arg beklebten Umschlag zurück und fragte, was da denn nun drinne sei. Ich erzählte nochmal von der CD und meiner ehrenamtlichen Jurorentätigkeit et cetera, „ja, det mit der CD hamse janu jesacht, wat sollickn da machen, wenn Sie dit uffmachen und dit is mehr wert als erlaubt, müssnse Steuern zahlen, is det klar, ja?“ „Wissen Sie, ich riskiere das“, nahm den Umschlag und riss ihn auf und entnahm die CD „Cache 2012“ der CEC, drückte sie der Kämpferin in die Hand. Sie drehte die Scheibe lange zwischen den Fingern, kämpfte gegen eine gewisse Trägheit ihres Kopfes und fragte schließlich: „Wat solln da druff sein?“ „Musik“, sagte ich, „die CD ist nicht aus der Schweiz, sie ist aus Kanada, was soll denn da sonst drauf sein?“ „Allet Möglije kann da druff sein, ham siene Ahnung!“ „Gut“, sagte ich, spielen wir sie ab, dann spielen wir sie eben ab…“ „Det jehtnich so ohne weiteret“, sagte die Hulk; man merkte ihr an, dass sie Spaß daran hatte, mich warten zu lassen. „Jeschenk, ja, dis muss druffstehn aufem Umschlach.“ Stand es aber nicht. Außerdem war mein Spruch mit der Schweiz am Nachbarschalter gut angekommen, man lächelte amüsiert. Das war kein Erfolg für meine Feldwebellin. Ein renitenter Bürger. Macht faule Witze über die Schweiz auf ihre Kosten.

„Was machen wir denn nun?“ fragte ich. Wieder dieses Abtasten meiner CD mit spitzen Wurstfingern. „Es ist ein Geschenk, jeder kann sehen, dass das keine fünf Euro wert ist. Darf ich jetzt bitte meine CD entgennehmen?“ „Tja, det saren Sie“, sagte Frankensteins Tochter und gab die Sendung immer noch nicht heraus, merkte dann aber doch, dass die Aussicht, mich als Schmuggler zu entlarven, nicht groß war.
Widerwillig steckte sie die CD zurück in den gepolsterten Umschlag und händigte ihn mir aus. Ich bedankte mich und sagte: „Auf Wiedersehen! Oder besser nicht.“ „Scheint mir ooch so“, meinte Brünhilde.

Die Cache-CD 2012 hatte ich übrigens schon. Keine Ahnung, warum die Kanadier mir die nochmal geschickt haben.
©Hoeldke2016

Montag, 8. Februar 2016

deep web - Christopher Bauder & Robert Henke im Kraftwerk #roberthenke #monolake #klangkunst #electronica #ctm2016

die decke des kraftwerk wird zum himmel, du weißt nicht, ob sky oder heaven, schau zu!, sonst bekommst du nichts ab vom leben.  helle kugeln an langen abstrakten, die nach anderen kugeln suchen, sich verbinden, jede kugel ist ein leben.
erst eine, dann eine andere, sie können miteinander, wollen miteinander, sie lieben und hassen sich, kein unterschied, sie müssen sich verbinden, bilden linien, gruppen, ein netz, viele netze.
ein monster über dir, ganz nah und in sicherer entfernung, schwerelos sich windend, tanzend, überall diese musik.
ein dom über dir, nie hat gott so gut ausgesehen.

netzwerke gebären sich selbst. verbindungen sind bewegungen, die materie netz existiert nur durch bewegung, so lebt sie.
das leben entwickelt sich: eine reihe leuchtet, tanzt was vor, lädt ein zum mitmachen, schnell findet sich was mit einer anderen reihe, sie leuchten zusammen, greifen Raum, die farbe gleich, rote welt.

bewegung bildet farbe, man findet sich, alles künstlich, alles virtuell, täuschend unecht wie das leben da draußen. das gefühl, im netz zu sein! die bewegung ist reine täuschung, deine augen machen gerne mit, atemberaubend schnell, miteinander ist gegeneinander, die freundschaft nur ein bild, alles bildet sich ab, immer schneller, nicht einmal das tempo ist echt. manche herrschen, andere folgen.

ist das ein stern? mann ist der groß! genauso viel masse, als wär er gar nicht da, die farben, die farben, DIE FARBEN!
nein, das sind ein paar sterne, sie bilden sich streng nach der regel, bis die regel zerfließt. und immer mehr farben
farben
farben
farben
FARBEN
jede einzeln
jede in freiheit
kein gebilde mehr
kein sinn mehr
kein verstehen mehr
freiheit

enden muss es

die frage nach dem leben stellt sich
die antwort stimmt

Jetzt raus an die Luft!


©hoeldke2015
#roberthenke #monolake #klangkunst #electronica #ctm2016  

Freitag, 29. Januar 2016

Michael Vorfeld - "Glühlampenmusik" Performance und Gespräch im Berliner „ausland“


Klingender Schein

Der Perkussionst und Künstler Michael Vorfeld gastierte am 28.Januar 2016 im Berliner „ausland“  (Lychener Str.6) im Rahmen der Vorlesungs- und Konzertreihe „Die Reihe - Beiträge zu auditiver Kunst und Kultur“ des Elektronischen Studios der TU Berlin und des Studienganges „Sound Studies“ derUdK Berlin. Anschließend: Podiumsgespräch mit der Musikwissenschaftlerin Sabine Sanio.


Ich betrete den eher kleinen Konzertsaal des „ausland“, der betont spartanisch mit kleinen Notsitzmöbeln ausgestattet ist, bin früh dran, bekomme einen Sitzplatz in der ersten Reihe, sehr bald müssen die ersten Zuhörer stehen.
Ich sitze vor einem großen Tisch, der mit Leuchtmitteln, Schaltelementen und Kabeln völlig übersät ist. An einer Längsseite ist ein kleines Audiomischpult aufgestellt, das ist mit den Leuchten und Schaltern verbunden; es liefert die Klänge, zum Teil mit Tonabnehmern und Mirophonen eingefangen, an eine Saalanlage.

Michael Vorfeld macht Geräusche von Lampen zu Musik, Geräusche von Schaltern, Dimmern, den Leuchtmitteln selbst, manche kennen wir aus dem eigenen Haushalt, manche werden durch Verstärkung überhaupt erst hörbar. Sirren, Piepen, Brummen, Knacken und das, was Vorfeld daraus entwickelt.
Ich staune, wie viele verschiedene Lampentypen es gibt, wie viele davon auf der Tischfläche vor mir liegen, wie viele kleine Geräte, die ich nur zum Teil kenne und nur inetwa erkenne.

Vorfeld beginnt, die Saalbeleuchtung verlischt und macht Platz für die Lichter der Vorführung. Aus Knacksen werden Töne, sehr tiefe, andere sehr scharf. Ein Klang zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Stück, das 40 Minuten zur Kurzweil werden lässt: Eine Art gläserne Glocke, vertraut im Klang, aber ein erstaunliches Eigenleben führend. Der Tisch wird dabei zu einem freundlichen Gewitter.

Der Künstler macht sehr schnell klar, dass hier Musik aufgeführt wird: Obwohl er improvisiert, rührt Vorfeld nie in einer trüben Suppe auf der Suche nach dem Weitergehen des Stücks, er wechselt einzelne Leuchten gegen andersartige, andersfarbige, er weiß jederzeit, was er tut, auch wenn die Entwicklung nicht bis ins Detail feststeht. Große Bögen entstehen, flächige oder rhythmische, bekannte, unbekannte Klänge bilden mit ihren Auftritten eine Satzstruktur, jeder Abschnitt hat seinen Charakter, jeder klingt anders, leuchtet anders, hat eine gute Konsistenz, die Klänge sammeln sich, sind aber kein Sammelsurium.

Vorfeld ist Musiker, er performt konzentriert, man sieht ihm an, wie wichtig das Gelingen ist. Und die Lampenmusik ist wirklich multimedial: Die Musik würde ohne die Lampen nichts besonderes darstellen, das kleine Leuchtmeer wäre ohne die Musik nichts besonderes, aber beide zusammen bilden eine Einheit, von der ganz erstaunliche Energie ausgeht. Der Klang, das Leuchten zeigen die Brüchigkeit unserer Wahrnehmung, man könnte hier ohne Strom gar nichts wahrnehmen, man denkt an den Energieverbrauch, an die Euro-Leuchtmittel. Aber die kritischen Gedanken können keinen Raum gewinnen, Gott sei Dank, in einem guten Restaurant isst man nicht wegen der Ernährung, man will genießen. Und das kann man an diesem Abend im „ausland“. Man kann die Augen schließen, das erhellt die Sache sogar noch. Schnell gibt man auf, herausfinden zu wollen, welche Lampe für welchen Klang leuchtet, man genießt die Kraft, die das Werk auf einen ausübt, den Rausch, den man empfindet, man lebt den Ritus, den Michael Vorfeld zelebriert, völlig focussiert, ganz ohne Caprice.

Es war so schnell vorbei: Ein leiser Schluss, ein Smorzando, aber ganz entschieden. Wir applaudieren gern, wir sind ist begeistert. Der Sound, von der Klangregie wunderbar in den Raum projiziert, lief ohne jedes Problem, war ein Kunstwerk für sich, die technische Leitung hatte ganze Arbeit geleistet. Forte ist eben nicht laut.

Nach der Performance das gefürchtete Podiumsgespräch. Sabine Sanio bereitet eine angenehme Enttäuschung. Sie stellt ihre Fragen so, dass man etwas über Michael Vorfeld und seine Kunst erfährt, seine Anfänge in der Klangforschung im Alter von vierzehn, die Arbeitsweise, mit der er seine Klänge verwendet, seine Gedanken über die Technik im Angesicht von Energiesparmaßnahmen. Sanio macht einen guten Job: Sie fand das Konzert selbst so gut, dass sie keine Lust hat, die Kunst mit Wissenschaft zu stören. Die Abschlussfrage, wie denn das Musikinstrument hieße, auf dem Michael Vorfeld spielt, bleibt unbeantwortet. Höchst befriedigend!

Ein toller Abend. Eintritt frei. Berlin ick liebe dir!

P.S. Wer möchte, gibt „Michael Vorfeld“ bei YouTube ein und kann sich einen Eindruck verschaffen.

©hoeldke2016




Donnerstag, 21. Januar 2016

Was hat Elektroakustische Musik mit Heino zu tun? #electracoustic #heino





Quo vadis, oder: Was hat Elektroakustische Musik mit Heino zu tun?

Die Elektroakustische Musik ist aus dem Wunsch nach Wandel entstanden. Der Wandel in Richtung Innovation ist ihr ein ständiger innerer Motor. Trotzdem kann man nicht erwarten, dass das allen willkommen wäre.
Denn wie jede Revolution ihre Kinder frisst, hat sich auch hier ein neues Establishment gegründet, vielleicht um jedes Elektronische Studio ein eigenes, mit Gewohnheiten, Rollenverständnissen und Pfründen. Die Elektroakustische Musik ist selbst zum Bestand geworden.

Man hat damals in den Sechzigern Klaviatur, Dur, moll und Metrik auf den Index gesetzt, um eine Musikrichtung zu schaffen, die wirklich eine Neuentwicklung ermöglicht und nicht zurückgreift auf Vorhandenes. Dieses Verbot hat sich so sehr zum Dogma verselbständigt, dass bei der Entwicklung neuer elektronischer Klangerzeuger diejenigen beargwöhnt und zu Tabuobjekten erklärt wurden, die ein Klaviermanual aufwiesen; so sehr, dass ein Durakkord, der sich in diesem oder jenem Stück entwickelte oder einschlich, Kitschvorwürfe auslöste.

Wenn sich innovative Bewegungen etablieren (mehr können auch sie nicht), um dann ihrerseits neue Dogmen auszubilden, werden sie oft ärgerlicher als die Umstände, zu deren Bekämpfung sie einst angetreten waren. Der Grund hierfür ist, dass sich die Bewegten mit religiösem Eifer hinter ihren Ideen verschanzen, sich isolieren, Gedankenspiele nicht zulassen.

Was heißt das für die Elektroakustische Musik? Von Anfang an gab es kleine Denkscharmützel über grundsätzliche Fragen. Morton Subotnik sprach von „kleinen Schlachten“ in Europa, in denen es darum ging, „ob man ein Mikrophon nehmen darf oder nicht.“ Ergebnis ist gewesen, dass man die kalifornische Institution dann „Tape Music Center“ nannte. Und die war offen: Man hat in San Francisco z.B. über eine Zusammenarbeit mit Janis Joplin nachgedacht. Jeder Klang durfte Musik sein.

Die technologische Entwicklung bedingt, dass Elektroakustische Musik immer wieder neu gedacht werden muss.
Früher waren es nur die Studios für Elektronische oder Elektroakustische Musik, in denen Klangforschung betrieben wurde. Elektronik wurde groß geschrieben, war etwas besonderes, wollte entdeckt werden. In den Studios standen die großen Rechner, die man dafür brauchte, das hat sich grundlegend geändert. Kaum jemand braucht noch ein Studio, um Elektroakustische Musik zu machen. Oder doch?

Im Prinzip reicht heute ein Mobiltelephon. Den Klang, den es noch nicht gibt, gibt es nicht mehr. Damit ist aber auch eine Barriere gefallen, die „Amateure“ von „Professionellen“ getrennt hat. Auch Musiker ohne akademischen Hintergrund haben Zutritt zu elektronischen Musikwerkzeugen, den selben Werkzeugen, die auch „Studierte“ benutzen. Dabei kommen elektroakustische Verfahren auch in anderen Musikgenres zum Einsatz. Die Klänge, die man z.B. in Clubs hören kann, fordern also förmlich eine Fusion der Stile.
Dazu kommen zunehmend Klangerzeuger im Eigenbau - Software wird geschrieben, Geräte werden gelötet, montiert, geschraubt. Umfunktionierte Instrumente, erweiterte Studiogeräte oder völlige Neuentwicklungen machen große Schritte auf die Klangkunst zu. Die Nähe der Elektroakustischen Musik zur Klangkunst und zur Performance hat es schon immer gegeben.
Keine Skandalkonzerte mehr, bei denen man wütend den Saal verließ, wegen der Kunst, der geschändeten. Heute trifft man sich im Bioladen an der Kasse, ohne einen Hauch von Spannung. Die Elektroakustische Musik ist zum Stillstand gekommen.

Die Elektroakustische Musik braucht Anschub, egal, von wo. Ich habe via Hashtags Vokabeln nachgeschaut: Chiptunes, Glitch, Clicks’n Cuts, Fixed Media, alles auf der Suche nach neuen Eindrücken. Die ließen und lassen aber auf sich warten. Die Hashtags brachten nichts zutage, was ich nicht schon seit mindestens zwanzig Jahren kenne. Man klickt sich durchs Netz und hört, was Pink Floyd, Björk, the Buckinghams (60er Jahre!) gemacht haben, nur eben auf modernem Equipment. Man diskutiert über Künstler, die Stile mischen wie Triphop, Breakcore, Barock etc. mit anderen. Stile mixen. Kenne ich. Das macht James Last auch. Und Heino. Alle mixen sich was. Das muss jeder Filmmusiker machen. Musikgeschichte remixen, wie es halt so kommt. Im Westen nichts Neues. Ein bisschen mehr braucht es also schon.

#noise, #clicks&cuts, #chiptunes sind im Augenblick von Bedeutung, #Electronica hat sogar einen richtigen Markt. Das meiste wird wieder verschwinden, größtenteils, weil es der zweite Aufguss von irgendetwas früherem ist. Aber die Kids hören es und machen es, lass doch der Jugend ihren Lauf, und laufen wir mit!

Nur Vorsicht! Hashtaggen wir uns vorwärts, so werden wir ziemlich schnell auf dem Musikmarkt landen. Die Gefahr, sich allzu sehr zu kommerzialisieren, ist groß, das bedeutet, den Stillstand festzuzurren.
Aber: Forschen wir!  Erzeugen wir ein Spannungsfeld zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Das ist immerhin ein Konzept, also auch recht aktuell.

Wir hätten damals die Chance gehabt, Tangerine Dream oder Kraftwerk gegenüber offener zu sein. Diese Chance gibt es nicht mehr. Was soll man also tun mit den Clubmuckern? Zuhören, Spaß haben, Abklopfen auf neues und dabei die Tradition am Leben lassen.

Wesentliches Merkmal der Elektroakustischen Musik ist immer das Experiment gewesen.  Die Bindung an Studios hatte immerhin den Vorteil, dass die Nähe zu Universitäten (zumindest in Deutschland und Europa) immer eine Nähe zur Forschung nach Neuland bedeutet hat. Die jungen Musiker müssen sich nun viel mehr „ums Geschäft kümmern“. So wird Geld allzu oft wichtiger als Kunst.

Aber vielleicht liegt im Remix das Geheimnis. Lassen wir Dinge zu, die verboten sind. Wagen wir den Heino. Er selbst muss es ja nicht sein. Bauen wir ein Spannungsfeld auf. Concept Art, nicht als Einzelströmung, sondern als Weg zur gegenseitigen Befruchtung. 
 
#electronicmusic #electronica #Electronic #electroacoustic #klangkunst 

©hoeldke2016

Mittwoch, 6. Januar 2016

Tagesbeleuchtung



 Heute morgen, naja, es war halb zehn, sah ich aus dem Fenster und dachte: Oh! Was für ein schöner heller Tag! Und ich war froh. Dieser Tag konnte mich mit keiner trüben nicht enden wollenden Dämmerung von vornherein bremsen.

Und dann habe ich mich geärgert, dass es schon halb zehn war. Ich hatte bis nach 21 Uhr gearbeitet, spät gegessen und bin erst um zwei ins Bett gegangen. Eigentlich wollte ich heute morgen früher anfangen zu arbeiten.

Aber vielleicht wäre das Licht um halb neun trübe gewesen und hätte mich gleich mit eingetrübt? Ich bin nun mal empfindlich, was das Tageslicht angeht, und Weltschmerz bringt nicht immer Kunst hervor. So kann ein Scheißtag anfangen.  Es sei denn, ich mache das richtige. Ich sehe den trüben Morgen an und sage: „So kommst du mir? Das hast du dir so gedacht“ Und dann mach ich mir mein Innenlicht an und erwarte, dass es heller wird. Und fange den Tag an. Im Hellen.

©hoeldke2016

Dienstag, 10. November 2015

#WM 2006 - Ein guter Kauf

#WM 2006 - Ein guter Kauf

Nun ist es raus: Die WM 2006 ist gegen Bakschisch nach Deutschland gekommen. Und? War das so verkehrt? Natürlich war es das. Aber ist das Sommermärchen entzaubert? Nein! Und nichts wäre verlogener, als hier moralinsauer Kritik zu üben.

Deutschland war gut bedient damit. Es konnte zeigen, was es kann in puncto Gastfreundlichkeit und Organisationstalent. Keine Sklavenarbeiter, keine Winter- statt-Sommer-Termine, kein Nationalismus. Die Gäste haben sich wohl gefühlt in unserem Land, und wir uns mit ihnen. Deutschlands Ruf hat damals eine ganz entscheidende Wende erfahren, die Bundesbürger zeigten sich als harmlose Sportpatrioten, die Infrastruktur erwies sich als dem Gästeansturm gewachsen, die Republik feierte Party um Party, hatte was zu lachen, hatte der Welt etwas zu geben.

Die WM 2006 bescherte der #DFB-Elf sieben Heimspiele, der deutsche Qualitätsfußball kam ins Rollen, die Fans blieben friedlich. Deutschland hatte ein paar glückliche Wochen, sogar Fußball-Abstinenzler machten eine Ausnahme, wollten dabei sein.
Am Ende: Platz drei, es gab noch viel zu tun, aber Löw drehte ja im Hintergrund schon am Steuerrad hinter dem großen Zampano Klinsmann. Die Mannschaft war sympathisch und fair, selbst die Halbfinal-Niederlage gegen Italien landete irgendwie auf der Habenseite, war man doch nicht sportlich unterlegen, sondern in puncto Abgebrühtheit.

Natürlich kommt jetzt das Lamento mit vielen Konjunktiven, Zeigefinger werden ausgestreckt, um von sich selbst abzulenken, die Anständigen stehen auf, weisen auf die moralischen Verfehlungen hin, trauern laut, weil der Sport, ja nicht nur der, sondern „das Sportliche an sich“ unter die Räder gekommen ist. Und weil Deutschland, unser Deutschland nun überraschenderweise doch so korrupt war und offenbar immer noch ist.

Die Freude jener Tage zwischen 9.Juni und 9.Juli ist nicht verderbbar. Es war eine tolle Zeit für alle. Man kann die Zeigefinger wieder einziehen, egal, ob sie nun auf Personen oder einfach in die Höhe gerichtet sind.

Am Ende werden ein paar Köpfe rollen, und bestimmt nicht aus größtmöglicher Höhe. Wie immer.
Dennoch: Der Kauf der WM 2006 war illegal. Aber eben ein guter Kauf.

©hoeldke2015

Montag, 2. November 2015

Richtungsweisungen - CSU statt AfD?


Richtungsweisungen

Nun hat der Flüchtlingsgipfel also nichts gebracht, außer vielleicht das Land einer Regierungskrise etwas näher. Was sich derzeit am provisorischen Migrantendrehkreuz in Passau abspielt, ist menschlich wie politisch erbarmungswürdig. Oberbürgermeister Dupper weiß sehr genau um die nur begrenzte Belastbarkeit der Mitarbeiter, die alles menschenmögliche tun, die Lage unter Kontrolle zu halten.

Ein „wir schaffen das“ muss ihm wie Hohn vorkommen, er kann sich nicht äußern, die parteipolitische Raison gebietet dies, er ist Sozialdemokrat, aber er weiß, was ein volles Boot ist. Die Großkopferten auf dem Krisengipfel konnten sich nicht einigen, ebenfalls aus Parteidisziplingründen. Entlastung der Situation ist gefragt, mit ungeliebten, weil drastischen Mitteln. Ausgerechnet die CSU befindet sich an nächster Stelle zur Realität mit ihren Plänen für „Transitzonen“, ein netter Name für Internierungslager, die nun leider notwendig geworden sind. Man muss diejenigen, die unmittelbaren Anspruch auf Zuflucht haben, früh von denen trennen, die zwar auch gewichtige Gründe haben, hierher gekommen zu sein, aber eben nicht einem Kriegselend zu entkommen versuchen. Sagte da jemand „Selektion“? Prioritäten gilt es zu setzen, ein grausamer Vorgang für die, die das Los getroffen hat, „nur“ ihrer wirtschaftlich aussichtslosen Situation ein Ende setzen zu wollen. Doch gelten muss: Kriegsflüchtlinge haben hier Vortritt.

Die Erreichtung solcher Lager ist unumgänglich, es wäre naiv, anzunehmen, dass nicht tausende versuchen würden, aus „Einwanderungszentren“ heraus anonym in der Illegaltät unterzutauchen, man kann sie nicht erst auf das Land verteilen, um sie anschließend zurückzuführen. SPD und CDU müssen noch parken in ihrer „Wir-schaffen-das“-Sackgasse, sie haben keine Lust, sich als „Lügner“ beschimpfen zu lassen, weil sie in Sachen Willkommenskultur den Mund zu voll genommen haben. Man darf gespannt sein, wie sie sich herauswinden werden. Die CDU hat die Fühler schon mal ausgestreckt, doch der CSU ist das zu wenig. Sie wird weiter drängen, weiter drohen.

Allein, die sich abzeichnende Abspaltung der Chistsozialen von der Schwesterpartei ist als Phänomen nicht neu; die Fraktionsgemeinschaft ist 1976 ja auch schon einmal aufgekündigt worden, 2005 diente so etwas als Drohkulisse gegen eine Jamaica-Koalition. Wäre es nicht eine gute Idee, diesen Gedanken zu Ende zu denken und die Trennung diesmal zu vollziehen, also bei der nächsten Wahl eine bundesweite CSU in den Ring zu schicken?

Unter Angela Merkel hat die CDU begonnen, in den Wassern der SPD zu fischen, statt sich einer ihrer Kernaufgaben zu widmen, nämlich auch die Konservativen am rechten Rand zu befriedigen, dafür standen einmal Figuren wie Dregger, Strauß oder Lummer Pate. Gemeint ist die Wählerschaft, die man als rechts, aber nicht rechtsradikal bezeichnen kann, wie es eine immer dumpfer werdende Clique auf der linken Seite zunehmend versucht. Tatsache ist: Hätte die CDU/CSU mehr „rechten Schneid“ gehabt, würde es nur einer sehr kleinen Minderheit einfallen, montags auf PEGIDA-Demos mitszustolpern, wo jetzt echte Rechtsradikale wahre Fischereihafenfeste feiern können. Stattdessen hat die Kanzlerin die Union sozialdemokratisiert, das bringt die bürgerliche SPD in Nöte, was macht man, wenn man nicht die Postkommunisten oder die Fast-Pensionäre von den Grünen wählen möchte, aber die CDU nicht mag?

Merkel ist großen Teilen der Unionsparteien schon lange ein Dorn im Auge: Eine Frau, und dann auch noch eine Ost-Frau. Zwar hat sie bei Ziehvater Helmut gelernt, wie man die Schwerkraft am Amtssitz vergrößert, doch den konservativen Auftrag hat sie verkannt, die Partei ist nach links gerückt, der biedere Unionswähler ist da geblieben, wo er war, nun läuft er in die Richtung der Brandstifter. An der Parteibasis zeigt sich ein Riss, tief und mit jeder Kontroverse schlechter zu überbrücken; Griechenland, Homo-Ehe, Flüchtlingskrise: Alles Themen, die für das Land oder zumindest für seine konservative Partei zur Überlebensfrage anwachsen können. Es warten hoffnungsfroh die AfD und andere besorgte Bürger mit ihrer Willkommenskultur.

Ein Seehofer mit seiner Autorität könnte, wenn er mit einer bundesweiten CSU auftritt, der momentan zahlenstarken, aber labilen AfD das Wasser abgraben, sprich, die Wähler wegnehmen. Denn die Mehrheit derer, die die Rechtsalternativen wählen, wollen eigentlich kein Viertes Reich, sie wünschen Kontrolle über die Immigrationswelle. Seehofer kann die natürlich genauso wenig garantieren wie der Fahnenschwenker Höcke, doch würde eine Bundes-CSU die Wähler wieder ins eindeutig demokratische Spektrum zurückholen, im Bundestag für eine neue Art der Unionsmehrheit sorgen, die Stahlhelmer dabei etwas zähmen. Früher waren die übrigens nicht nur unionsaffin, sondern fanden auch in der F.D.P. ein Zuhause, die auf der rechtskonservativen Seite ein politisches Angebot bereithielt, nun aber als Politsekte mit großer Vergangenheit und winziger Zukunft vor sich hindümpelt. Eine bundesweite CSU könnte die Union wieder konservativer machen, der sympthisch-menschliche Zug, den Merkel mit ihrer Tor-Auf-Geste evoziert hat, würde zwar verblassen, aber für die politische Landschaft wäre es auf Dauer besser, wenn man die neue Rechte auf diese Weise trockenlegte.

©hoeldke 2015

Montag, 5. Oktober 2015

Hausmusik als Gesellschaftsform - Jam Session im A Trane in der Berliner Bleibtreustraße.

 


Es ist immer irgendwie mehr als ein Konzert: Ab Null Uhr spielen Musiker aus einer unübersichtlichen Anzahl von Nationen eine Jazzclub-Hausmusik. Und immer wieder finden gute Protagonisten der Szene dorthin. Eintritt frei.

Die Musiker, die sich auf der Bühne oft zum ersten Mal begegnen, finden trotzdem ohne jede Vorbereitung vom ersten Moment an zusammen, bilden eine Spontanband, die ohne Probe spielen kann, mit und ohne Noten.
Man arbeitet zusammen, nicht nur auf der selben Bühne, sondern gleich am selben Projekt, dem Song, dem Musikstück. Jeder hat gleichermaßen ein Interesse daran, dass er selbst und auch alle Mitwirkenden zur tragenden Säule einer kleinen Gesellschaft werden.

Es gibt ein Regelwerk, an das sich alle halten müssen: Der Song. Melodie und Begleitakkorde sind allen bekannt, bilden das Gerüst, das Gesetz. Tempo und Stil werden vorher abgesprochen. Jeder weiß, worauf man achten muss, um anderen nicht in die Quere zu kommen mit seinem Instrument, nicht „dazwischen zu reden“. Es ist ein Dialog, ein Zusammenleben da vorne, das will bewältigt werden. Kein Teilnehmer dieses Mikrokosmos darf auf seiner Bahn einem anderen in die Quere kommen, jeder hat seine Aufgabe im System, hält den Stern, um den alle kreisen - den Song - in der Balance.

Die Interaktion zwischen den Musikern auf der Bühne ist ein Forum für den Hörer. Zwar sind alle Mitwirkenden Professionals, aber: Keiner der Zuhörer braucht musikalische Fachkenntnisse, um den Vorgängen auf der Bühne folgen zu können. Es wäre gut, mal eine Schulklasse auszuführen und nach Vorbereitung eine solche Session zu besuchen. Man müsste Ihnen mal eine ganz besondere Exkursion gönnen, dafür vielleicht sogar eine Sondergenehmigung einholen, wegen Uhrzeit und Jugendschutz. Dann können sie aus nächster Nähe erleben, wie eine spontan zusammengewürfelte Gesellschaft sich findet, verständigt und funktioniert, sogar mit Spaß an der Sache.

@hoeldke 2015